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[ Hof, 22. Aug. 1796 ]
235,2
Die Stunde, worin ich Sie hörte, fliesset wie ein Abendroth immer
weiter unter den Horizont, Ihr Brief mus ihr wieder Farbe geben.
Sie kamen wie ein Traum, Sie flohen wie ein Traum und ich lebe235,5
noch in einem Traum. Saturnin [sagt,] die Engel hätten Menschen
geschaffen wie Gott, hätten sie aber nicht in die Höhe richten können,
bis Gott durch einen Funken sie beseelte und aufstelte. Solche liegende
Menschen sind die meisten — Gott schlug in wenige einen Funken, der
sie aufrichtet. In Ihrer Seele glüht dieser Sonnenfunke und Ihr235,10
innerer Mensch steht unter den liegenden kalten Gestalten aufrecht und
sein weiter Blik geniesset zugleich den Himmel und die Erde. Grosse
Tugenden sind in irdischen Augen Fehler, wie die Fluren des Mondes
sich uns in der Ferne als Flecken darstellen. — Der Glaube an Ver-
nichtung — diese Seelen Guillottine und Füssilade. Ich wolte, heute235,15
wäre der 1 Januar, damit mein Herz sich in gerechtf[ertigte] Wünsche
für Ihres auflös[ete]. Aber jeder Tag ist für mich ein erster Januar
und alles was in die laue Nacht dieses flatternden Lebens Mondlicht
und Violenblüten wirft und alles was ins einfärbige Grün auf dem
stehenden Wasser unsers Daseins einzelne Blumen flicht etc.235,20


K: An Krüdner gebor[ne] v. Vittingshof Leipz. 22 Aug. 96. i 1: Wahr heit 5,165×. i 2: Denkw. 3,7. Eine französische Übersetzung (nach i 1) fand sich in Varnhagens Nachlaß (Berlin). A: IV. Abt., II, Nr. 135.
Einlage in Nr. 385, am 26. Aug. durch Oertel zugestellt. Barbara Juliane, Freifrau von Krüdener (sie selbst schreibt sich meist Krüdner), geb. von Vietinghoff, geb. 21. Nov. 1764 in Riga, gest. 25. Dez. 1824 auf der Krim, seit 1782 mit dem Baron Burchard Alexis Konstantin von Krüdener verheiratet, später durch ihren Roman „Valérie“, ihre Beziehung zu Kaiser Alexander, ihre politische und religiöse Schwärmerei bekannt geworden, hatte am 17. August 1796 auf der Durchreise durch Hof Jean Paul aufgesucht; s. Nr. 378 und Dorothea Berger, „Jean Paul und Frau von Krüdener im Spiegel ihres Brief wechsels“,. Wiesbaden 1957. 235,6–8 Saturnin (richtig Saturnil): s. I. Abt., V, 505, Fußnote. 14f. Glaube an Vernichtung: vgl. die Vision „Die Vernichtung“ und das Kampanerthal, welch letzteres viel leicht mit durch die Krüdener angeregt wurde, s. meinen Aufsatz darüber im Hesperus, Nr. 12 (Okt. 1956), S. 18—20. 17 Vgl. 43,2f.

Textgrundlage:

384. An Julie von Krüdener in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 235 (Brieftext); 471 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Barbara Juliane Freifrau von Krüdener. Hof, 22. August 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_384 >


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