Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Eilig.
Hof. d. 22 Aug. 96.
235,22
Kaum ein Billet, nur ein Avertissement, ein Postskript zum Post
skript sol dieses Blätgen sein, das Sie bittet, diese Einlage zu in
sinuieren. D. 17ten war die Frau des russischen Gesandten in Däne- 235,25
mark bei mir, eben diese Krüdner, die vielleicht wieder von Weimar in
Leipzig ist. Sie ist eine Seele, wie ich sie kaum noch im Pantheon der
Ideale gesehen: die notae caracteristicae an ihr sind ewiger Friede
und Freude in sich — ob sie gleich alles genossen — eine weite Menschen
liebe, die nichts mit sentimentalischem erotischem Eigennuz gemein235,30
hat — und eine gute Meinung, die sie von andern, Andere von ihr
haben. Sie müssen dieses warme Herz, dem meine Bücher sein
Italien und sein Eden fast wiederholet haben, kennen lernen: äusserlich
ist sie unbedeutend, das klare reine warme Auge ausgenommen, das
sich in \nicefrac {5}{4} Stunden bei mir so oft in Thränen verklärte, denen meine235,35
folgten. Sobald sie in Leipzig ist, komm ich nach Leipzig: ich habe
nun ein doppeltes Ziel, eine doppelte Freude. Ich weis, ich lobe jeden,236,1
und noch mehr jede in der ersten Minute zu sehr, in der mitlern zu
wenig, in der lezten gerade recht; aber wie wil ich anders? —

Blos weils mein Verleger nicht wolte, der aus merkantilischer
Kriegs-raison ein Geheimnis daraus macht — das es auch bleibe —236,5
schrieb ichs Ihnen aus Einfalt nicht, daß sogleich nach Ostern — ich
denk’ aber, zu Ostern — die neue Auflage von Hesperus erscheint, der
wider mein Erwarten wie der astronomische jezt in alle Fenster scheint.
Neulich schikte mir ein Anonymus, den ich in dem 3ten Bändgen der
Blumenstücke am Ende anrede, zum Danke 60 rtl. in Doppel Ld’or. 236,10
Fixlein kömt mit einer neuen Vorrede von 56 Seiten neben der alten her-
aus, die ich aber für Käufer der ersten Auflage abgesondert drucken lasse.

Ein langes Postskript! — Wenn Ihr geliebter Bruder noch neben
Ihrem Herzen wohnt: so drücken Sie ihn jezt im Namen des meinigen
daran. —236,15

Knebel ist ein geschmakvoller feiner epikureischer — Horaz, für
den die andere Welt nichts reelleres ist als ein Regenbogen: ihm
gefället nur Satire und eine Empfindung, deren Raupenfüsse oder
Ringe auf der Erde kriechen. Ich strit wider meinen Willen mit ihm
über die „Vernichtung“ in Beckers Erholungen. Indes lieben wir ein- 236,20
ander herzlich. Ich bin längst über die Jahre weg, wo ich mein System
predigte oder foderte — aber doch ist Toleranz noch keine Freundschaft
und gewisse Meinungen gränzen mehr ans Herz als an den Kopf. —

Am Hesperus werd ich viel bossieren und ändern, nicht die Manier
— lieber schrieb’ ich ein neues reines Buch, als daß ich wie andere236,25
eine neue und alte Manier jämmerlich verquikte — sondern die Aus
wüchse und Wasserschöslinge der Manier oder Unmanier. Über
diesen [!] theilen Sie mir wenn Sie wollen, Ihre schwarzen ver
dammenden Kugeln mit, damit dieser, auch am Himmel, so bergige
und spizige Stern sich schöner ründe. —236,30

Warum wil ich jede Zeile Ihres Briefes mit der Feder beant
worten, da ich eine Zunge habe, die ich nach Leipzig mitbringe? Leben
Sie wohl mein Geliebter, und den dunkeln schmuzigen Weg unserer
Tage decke wenn nicht fettes Blättergrün, doch das bunte gefalne
Laub der Vergangenheit zu.

Ihr236,35
Jean Paul
Fr. Richter

N. S. zur N. S. Ich wünsche eben so sehr daß Sie als daß ich die237,1
Freundin unsers Ichs sehen möchten

H: Berlin JP. 7¼ S. 8°. K: Oertel Leipz. 22 Aug. J: Denkw. 1,332. 235 , 31 Sie H ihr] aus Ihr H 33 wiederholet] aus wiedergegeben H 236 , 6 schrieb’ H sogleich] nachtr. H 11 neuen] nachtr. H 20 Freund schaft] aus Liebe H 33f. den ... Weg ... decke] aus auf dem ... Weg ... liege H
236 , 4 Verleger: Matzdorff, vgl. Nr. 375†. 9 Anonymus: vgl. zu Nr. 350. 11 Im Druck hat die „Geschichte meiner Vorrede“ 96 Seiten. 13 Bruder: vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 129..

Textgrundlage:

385. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 235-237 (Brieftext); 471-472 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 22. August 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_385 >


Zum XML/TEI-file des Briefes