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[ Hof ] d. 4. Nov. 94.
30,14
An [Karoline.] 30,15
Warum seh’ ich nur deine Augen und deine Lippen und nicht dein
Herz? Warum erblick’ ichs nicht, wenn du in der Stille weinst, wenn
deine Blicke wie Seufzer emporsteigen und wenn deine Seele am
Abendhimmel, an der Einsamkeit, oder an Tönen ruht? — O daß ich
dein Engel wäre und von Unsichtbarkeit gedekt, in deine Seele schauen30,20
könte — Vielleicht säh’ ichs dan, wie sie ist — ob sie sich vol Andacht
beugt im grossen Tempel, den der Unendliche aus Sternen und Wel
ten aufgeführet hat, — ob ihr Herz harmonisch mit den Saiten zittert,
wenn Klagen auf ihnen beben, — ob alle Menschen wie hülflose Kinder
an dein Herz von deinen Armen liebend gezogen werden — ob du30,25
weinest, nicht blos über den Druk, der dich, sondern auch über den
der andere krümt? — O wenn du so weich bist und so milde und liebevol
und erhaben über die Spielmarken deines Geschlechts und wenn dein
Herz sich nicht [nach] einem lustigen Tag, sondern nach etwas höherem,
nach grössern Gedanken, die noch über den Gräbern stralen, und nach30,30
einer Seele vol Tugend sehnet — o wenn du so wärest und wenn ich
dich einmal in diesem heiligen Schimmer, in dieser himlischen Zer
fliessung überraschte: dan wär’ ich zu glüklich — — dan liebt’ ich
dich zu sehr — dan säh’ ich in dein stilles Auge und sagte: falle nie zu,
du gutes Auge — und ich sänke nieder vor deinem Herzen und sagte:30,35
stocke nie, du geduldiges Herz — Wenigstens nur nicht früher als31,1
meines.

O wie sanft thut es, denen zu wünschen die man liebt. Als wenn alles
sich erfülte, was ich sage, wünsch ich mit einem süssen Beben: der
Himmel werfe dein Lager mit duftenden Träumen vol wie mit31,5
Blumen, — eine Morgenröthe falle in dein Auge, wenn es sich öfnet,
oder ein Stern — eine Freudenthräne überzieh’ es schimmernd, wenn
du erwachst und du, o gutes Schiksal, trokn’ ihr sie niemals ab,
niemals dieser geliebten [Karoline.]

H: Berlin JP. 2 S. 4°. Der Name in der Überschrift und am Schluß herausgeschnitten; von fremder Hand mit Blei darübergeschrieben: Lipmann (vgl. Bd. I, zu Nr. 448). J: Wahrheit 5,59. 30 , 22 Un endlichen 31 , 5 mit duftenden Träumen vol] aus vol duftender Träume 9 dieser geliebten] aus der geliebte

Textgrundlage:

39. An Karoline Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 30-31 (Brieftext); 401-402 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Liebmann. Hof, 4. November 94. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_39 >


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