Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Hof d. 9 März 94 [Sonntag].
6,23
Blos um mich bei mir selber zu entschuldigen, — weil ich innerlich
Ihre Kälte einer bessern Ursache zuschrieb als der Laune —, büss’ ich6,25
eine voreilige Sekunde mit einer langweiligen Kopier-Viertelstunde.
Nie ist die Kälte schneidender als bei eigner Wärme. Wie gros die
leztere bei mir gestern war, beweiset mein Brief, den ich wörtlich
treu
aus seinen Ruinen kopiere.
Schwarzenbach d. 8 März 94 .
6,30
Theuerste Freundin

Ich wolte Ihnen heute für den SonnenUntergang Ihres Jahrs
recht viel zubringen — und bringe recht wenig, weil ich schon unter
andern Anspannungen ermattet bin. Wenn aber irgend eine Bay-
reuthische
Minute zu mir trit und mir alle ihre Zaubertränke eingiebt6,35
— dan bekommen Sie einen Brief. Zwei andere aber gedrukte, zum7,1
Nachhall eines Jahres gemachte Briefe könten Sie wenn Sie wolten
im 2ten Theil meiner Mumien von 135 bis 148 und von 447 etc.
lesen. — — Und doch werd’ ich jezt weich, indem mir ist als hört’ ich
die Abend- und Todtenglocken eines eingesunknen Menschenjahrs sanfte7,5
Töne in Ihre Seele senken, Töne wie aus der Ewigkeit — und ich
sage, indem ich Ihr Jahr heute mit der Abendröthe seines lezten
Tages in sein Grab einsteigen sehe: „Sinke nur unter, du langes Jahr,
„mit allen den Thränen, die du Ihr aus dem Herzen gedrükt, und lege
„dich auf dein Todtenkissen vol Freudenblumen, die du Ihr ertreten7,10
„hast — aber doch habe Dank für alles was du Ihr gabest und was
„schöner war als was du Ihr nahmest — habe Dank für das weichere
„Herz, das du dem Busen vol Seufzer gegeben, für jede Thräne, die
„Sie besser gemacht, für jede Tugend, die du Ihr abgefodert und für
„jeden Abend, wo das Versinken der Sonne Sie an Ihres und das7,15
„Emporsteigen des Mondes Sie an unseres in der zweiten Welt
„erinnerte — und so ruhe wol, langes Jahr, bis irgend ein grosser
„Genius dich aufreisset und sagt: steh auf und sag’ an vor Gott Ihre
Fehler und Ihre Tugenden“ — —

O meine Freundin, es wird gewis aufstehen, so wie meines, das sich7,20
auch in diesem Monat nicht weit von Ihrem niederlegt — ach wenn
der Mensch die Hofnung nicht hätte, morgen noch besser zu werden, er
wäre trostlos; und doch kan der nächste stockende Pulsschlag diesen
Morgen ermorden —

„Neues Jahr meiner geliebten Freundin! — sag’ ich auf Morgen7,25
„jezt in dieser schönen Stunde der Erweichung — nim Ihrem Herzen
„die Seufzer, Ihrem Auge die Thränen, Freudenthränen aus
„genommen — mach’ Ihre Entschlüsse fester, Ihre Seele stiller, Ihr
„Leben gleicher — vernichte den Unterschied zwischen der Einsamkeit
„und der Geselschaft als wenn man nicht gerade in dieser das aus7,30
„führen müste, was man sich in jener vorgenommen und als wenn
„die Gedanken der Einsamkeit nicht grösser, schöner, wichtiger, ewiger
„wären als die Gedanken der Geselschaft — die schönsten Gefühle sind
„nur Blüten, schöne Thaten sind erst die Früchte dieser Blüten; und
„die heissesten Thränen sind nur der warme Abendregen auf die7,35
„Tugenden, aber nicht die Tugenden selber — beglücke, erhebe, prüfe,
„beschenke, und erhalte Sie, Neues Jahr!“
Mein Herz schlägt stärker, je länger ich schreibe — ich endige mit8,1
dem Wunsche, daß Ihres meines niemals verkenne, was alle Menschen
so liebt und was der ewige Freund des Ihrigen ist, vor dem es so
oft zerflos.

Ihr Freund Richter
8,5

H: Berlin acc. ms. 1900. 61 (derzeit BJK). 5 S. 4°. J: Täglichsbeck S. 65. 7, 23 kan] aus konte 30 wenn wenn
Zu Renatens 19. Geburtstag (9. März). 7,3 Mumien: s. I. Abt., II, 291—298 (Ottomars Brief im 34. Sektor) und 447—453 (Ausläuten).

Textgrundlage:

4. An Renate Wirth in Hof. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 6-8 (Brieftext); 393 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Renate Wirth. Hof, 9. März 1794. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_4 >


Zum XML/TEI-file des Briefes