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Hof d. 11 Nov. 94 [Dienstag].
32,2
Obgleich alles in meinem Innern auseinander rinnen wil: so wil
ich mich doch erheben und allein aufrichtig sein, um nicht ohne mein
Wissen ungerecht zu sein. Sie haben mir einen himlischen Abend wie32,5
mit meinem Blute ausgestrichen und gestern dacht ich sogar: deine
Freude des künftigen Frühlings hast du auch verloren. Als ich so
abgerissen dort sas und verglühte und als die Töne an mir nagten und
mir das Herz zerdrükten zum Weinen — als die Töne zu den mit Erde
bedekten Stimmen meiner verstorbenen Freunde wurden, die noch 32,10
einmal den anredeten, der allein an einem öden Ufer ihnen nachsieht
über das Todten Meer: da begrif ich freilich die Lustigkeit und die
troknen Augen der andern nicht. Und da Sie noch mit Ihrer alten
durch keine Rüksichten gestern nöthigen Kälte neben mir waren — und
da ich meine Gefühle gegen Ihre, meine mich zerreibende Wärme32,15
gegen Ihre Abneigung schon vor dem Anblik berechnete — da ich sah,
wie Sie mich und alle meine schönen Abende den elenden Auslegungen
anderer aufopfern und wie die heftigste Trauer eines zu weichen
Herzens von Ihrem nicht einmal durch ein sanftes Zeichen des An
theils erwiedert wird — wie Sie oft mit einer Art, auf die Sie es gegen32,20
keinen andern thun, meine Anerbietungen oder auch die Bitte um Ge
hör zurükwerfen — wie Sie oft gerade um den von Ihnen Gekränkten
desto lustiger sind — und da ich dachte, was meine Seele verdiente,
die Sie noch nicht halb kennen: so that mir alles zu wehe wie jezt da
ichs beschreibe, und ich sagte zu mir: „vergeh’ nur vergeblich für32,25
mich, schöner Abend — ich verliere doch bald alles.“ Ich zwang und ver
stelte mich, obgleich die Wärme oft in meiner schlaffen Hand krampfte
und zukte. Ich wurde immer unfähiger, aus der nagenden Verstellung
zu kommen und kämpfte bald mit dem Gedanken, der vol Thränen ist:
„ach wenn sie es nicht verdiente, deinen Argwohn“ bald mit dem Ge32,30
danken der vol Schmerzen ist: du wirst sie verlieren. O da ist mir als
wenn ich Hof abschütteln möchte wie ein ErdenLeben, um nur den
innern Frieden zu gewinnen — Und in diesen verdunkelnden Stürmen
werd ich auch einen Entschlus fassen, den ich werde bereuen aber nicht
ändern können. Warlich — meine ganze Seele enthült sich vor Ihnen32,35
wie vor Gott — ich hab oft den tollen Gedanken, in Ihrem Hause mir
durch ein Wort, das nicht vergeben, oder durch einen Eid, der nicht ge
brochen werden kan, die Zurükkehr selber zu versperren. — Ach du Gute,33,1
wenn ich deine müde Seele martere so vergieb mirs — ich lieb dich zu
sehr, Gute Gute.

Ich hab es wieder überlesen und solt’ es kaum schicken. Meine Ge
heimnisse sollen nicht dem Zufal blosstehen, daher geben Sie mir das33,5
Blat nach 8 Tagen wieder zurük: Ihnen bleibts ewig. Wenn auch auf
dieses wieder Stilschweigen Ihre Antwort ist: so ists keine gerechte.
Aber da ich das nicht fürchte: so wil ich meinen Bruder um 5 Uhr mit
dem Reiszeug schicken, damit Sie ihm ein Blätgen als einen Wieder
schein einer künftigen ruhigern Zeit mitgeben.33,10


H: Berlin JP. 3 S. 4° (einseitig beschriebene Blätter). J: Wahrheit 5,62× (14. Nov. 1794). 32,18f. die Unterstreichungen vielleicht nicht von Jean Pauls Hand 29 bald] aus doch 30 f. Gedanken] nachtr. 32 Erden] nachtr. 33 , 8 fürchte] davor gestr. hoffe

Textgrundlage:

42. An Karoline Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 32-33 (Brieftext); 402 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Liebmann. Hof, 11. November 94. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_42 >


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