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Hof. d. 1 Okt. 96.
248,22
Dir haben, mein Guter, viele nasse Augen nachgesehen und viele
frohe Herzen klopfen deinen Briefen wieder entgegen. Dein ausser
ordentlich schöner Brief an Amöne hat ihr, mir und Otto ein poetisches 248,25
Eden und Wünsche für die Verkörperung des deinigen gegeben. Jezt
solte dein Auge und dein Herz wieder unter den warmen Festen unseres
neu und enger geknüpften Bundes sein. Seit deiner Ankunft wohn’ ich
blos in und an Herzen. Gleichwohl dehnet dir wie auf dem Brocken
ein mikroskopischer Nebel alle Gestalten riesenhaft aus: du verdirbst248,30
die Mädgen durch deine Lorbeer—bäume und -wälder. Troz meiner
Wärme und meiner kleinern Weltroute widersprech’ ich deiner Herolds
kanzlei über Renate, die doch warlich, sei sie auch noch so viel, nicht so
gut sein kan wie du, geschweige noch besser. Sie wundert sich blos
über deine schmeichelnden Irthümer. Noch mehr irrest du dich über249,1
mich selber: alles was du sahest (nicht schlossest) hab’ ich wirklich,
aber du sahst nicht alles was ich habe, und darunter ist fast nichts als
Schlimmes. Auch steht in deinen Augen ein Mädgen, deren Reize ein
leichtes Streiflicht zu Tugenden macht, auf einem viel zu hohen249,5
Postament, und eben so die Liebe zu ihnen. Ach leihe mir deine Ir
thümer! — Ich zerreisse hier den ganzen Fehdebrief mit dir — ich habe
keinen Waffenplaz auf so engem Papier dazu — behalte deine Meinung
und lasse mir die obige schweigend.

Schreibe unserer Amöne (wie Otto’n) recht bald: dein gestriges 249,10
Stilschweigen, so nothwendig es war, war ihr doch unerwartet. Gieb
ihrem welkenden Sommer einen Nachsommer mit Blüten — sez’ ihr
wieder neue Sprossen in ihre zersplitterte Himmelsleiter ein und gieb
ihrem wunden Herzen einen frohern Pulsschlag, damit es sich täusche
und verwundert ausrufe: ach ich bin ja wieder glüklich.249,15

Du wirsts werden, Gute: denn du stirbst bald!

Mässige aber dein edles Feuer gegen sie: du machst sie unzu
frieden — nicht mit dir — sondern mit der ganzen Welt. — Nie ent
wische dir in deinen Briefen an mich die kleinste Anspielung auf
A[mönens] oder Ren[atens] Geheimnisse. Wilst du dich entladen, so 249,20
thu es auf einem beigelegten Nebenblätgen.

Deine Bücher wohnen nun in 4 Zimmern und liegen vielleicht in
14 Händen. Deine Rapsodien und dein Karl Flor sind (nach meinen
flüchtigsten Blicken) deine besten Werke: blos aus deinen Arbeiten
erklär’ ich mir deine Vor und Überliebe für meine. Dein und mein249,25
Herz hat der grosse Genius in Einer Minute geründet und weich
und warm gemacht. Deine Philosophie und dein Stil (aber dieser
nicht in allen Büchern) gefallen mir sehr. Ich mus aber erst ver
nünftig lesen.

Schreib’ an die Ostheim und mal’ ihr deine hiesigen Tage, damit 249,30
die Gute, die unter ihrer Vergangenheit erliegt, auch komme. —

Den Bogenüberschus wil ich dem lieben Beygang gern ver-
gönnen; aber wenn ich ihm den „Jubelsenior“ nicht gebe, bekömt er
gar nichts, weil mir grössere Werke die Zeit zu kleinen nehmen. Ich
werd’ ihm den Senior in der Mitte des Winters schicken — er mag249,35
mir dan 20 Ldor geben — und die andern 20 erst im Frühling; — und
im Herbste es drucken.

Ich schmiere und eile. Du siehst deine Leipz[iger] in einer totalen 250,1
Sonnenfinsternis; aber, Lieber, die höchste Menschenliebe besteht nicht
in der Freundschaft oder erotischen Liebe, noch in der Liebe fremder
Vorzüge, sondern in der Liebe fremder Menschen. Wenn ich in
deinem Falle bin, les’ ich d. h. fühl’ ich meine eigne Abhandlung in den 250,5
„Blumenstüken“ wieder durch und bin zugleich der Missionsprediger
und der Neubekehrte. Sobald ich einmal eine Schilderung der Höfer
mache: stehl’ ich deine von den Leipzigern.

Der Pindus ist der Olymp des Menschen, der Baum des Erkent-
nisses zeigt uns alle Arkadien und hängt selber vol Ananas — darum 250,10
beglücke dich durch Einen wissenschaftlich strengen Plan, exzerpiere,
lese naturhistorische, physikalische etc. Werke und vermauere alle diese
Steine zu Einer Peterskirche, welche du auch wählen mögest. Hast du
in dir Genus: dan erst hast du auch in dir Duldung für Alles. —

Lebe wohl! Mein Herz ruht näher an deinem — wir verlassen uns250,15
nie — ach aber ich möchte dich nicht blos lieben sondern auch be
glücken — und ich kan es so wenig! Lebe wohl!

Jean Paul

2 Okt. Gestern hört ich daß Amöne an dich geschrieben habe. —
Hier ist er; aber ich darf ihn erst in Leipzig lesen. 250,20


H: Berlin JP. 8 S. 8°. K: Oert. Leipz. 1 Okt. J: Denkw. 1,335× (die Nachschrift S. 338f. gehört zu Nr. 509). 248 , 23 viele1] nachtr. H 25 poetisches] aus papiernes H 28 neu] aus wieder H 249 , 2 wirklich] nachtr. H 9 lasse] aus las H schweigend] nachtr. H 26 weich] aus erweicht H 27 dieser] nachtr. H 31 unter] aus von H 36 erst] nachtr. H 250 , 14 erst] nachtr. H. — K hat am Schluß noch die vielleicht dem Umschlag ent stammenden Worte: Siegellak Goldstange in Siegel-Goldstücke zerlegen.
249,1–4 Vgl. II. Abt., V, 416, Nr. 693. 23Rhapsodien über das Gute, Schöne und Wahre“, Leipzig 1792. 32f. Bei dem Leipziger Verleger Beygang erschien 1797 Jean Pauls Jubelsenior. 250,5f. Abhandlung in den Blumenstücken: s. Nr. 180†.

Textgrundlage:

421. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 248-250 (Brieftext); 477-478 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 1. Oktober 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_421 >


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