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Bayreuth d. 11 Okt. 1796.
252,21
So oft ich eintunken wil für Sie, geliebte Schwester, klopfen Leute
an. — Aber vor allen Dingen ein Wort über die Schachtel! Es ist
ein[e] jämmerliche Gabe darin, die ich Ihnen ans Herz hängen wil
noch ausser meinem. Ich wolte mit etwas Prächtigen, in Hof Uner- 252,25
hörten und Ungesehenen bei Ihnen anlangen und gab den Auftrag des
Kaufs Oertels Schwester und jezt steigt das Ding ans Land — ich
wünsche, daß Fr. v. Oertel schöner ist als ihr Kauf. Ins Medaillon
müssen in die Hinterseite einige Wehwammen von meinem Kopfe:
polstern Sie sie mit meinem Haare und tragen dan die Haarseite aus252,30
wärts gekehrt. —

Was ists? Meinen guten Willen verkennen Sie doch nicht. — —

Eben hab’ ich Ihren aus Ihrem edelsten Herzblute geschöpften
Brief wieder gelesen. Er bewegt mich tiefer und schmerzlicher und froher
als irgend einer, den Sie mir je schrieben. Welches Schiksal könte mein252,35
Ich so auseinanderreissen und zerstören, daß Ihr Bild darin aus
gelöscht und zertrümmert werden könte? Nein, meine Renate, wir253,1
können uns nie verlassen, und die Jahre ziehen sich nur als neue und
engere Banden um unsere Seelen. Unsere Liebe kan nur wärmer werden
durch das nahe Opferfeuer der mütterlichen und der ehelichen, und
wenn eines von uns stürbe, so wäre das andere nur ohne Trost, aber253,5
nicht ohne Liebe. O du meine Unvergesliche, du bleibst ewig an meiner
Seite, deine Freuden sind meine, deine Thränen sind meine und die
grossen Stunden unserer Vergangenheit gehen mit mir durch mein
ganzes Leben! Ach wenn ich mich betrüben wil, so lass ich die Abschieds
stunde von Hof schlagen, wo ich an den Thränen sterben werde, die für 253,10
dich du geliebte Seele fallen. Aber dan kömt und tönt die höhere
Harmonikastunde, wo ich dich nach langem Trennen wiedersehe, und wo
die Freuden aller entbehrten Augenblicke in Einer Minute der Ankunft
auferstehen.

Ich unterbrach mich, um mich nicht immer tiefer in mein Ich hinein253,15
zuschreiben. — Emanuel hat Ihnen mein Reisejournal schon geschrie-
ben. Bei ihm sah und genos ich gestern die Hofräthin Vogt, eine aus-
gezeichnete kräftige zarte und feste Frau: in einer Viertelstunde waren
wir vertraut. Der Man ist viel besser als die Kopie, die ich von ihm
mir vorher entworfen. Ich sol über ihr Gut reisen, aber ich sehne mich253,20
schneller nach Hof. In Bayreuth find’ ich mehr Bekantschaften und
Freuden als jemals; aber das verdamte Weimar wirft seinen Glanz
über alles und nimt mir den halben Genus, blos indem es meinen
Wünschen und Hofnungen zu lange Flügel gab. — Morgen ess’ ich bei
Völderndorf, der so rechtschaffen ist als das Kammerkollegium und 253,25
Konsistorium zusammen: ich lieb ihn herzlich.

Ich wil meine Ankunft so wenig wie das Wetter prophezeien; doch
komm’ ich und gutes nun bald.

Wollen Sie mir auf diesen Brief eine Antwort geben, die mich etwa
in Bayreuth verfehlen könte: so geben Sie sie nur in meiner — Stube 253,30
ab, wo sie richtig durch den Briefträger (meinen Bruder) auf meinen
Schreibtisch getragen werden sol. Es wäre sehr schön, wenn das erste,
was ich auf meinem Tisch fände, das wäre, was ich darauf suchte —
Ihre Hand.

Lebe wohl, Schwester meines Herzens!253,35

Dein
Jean Paul Fr. Richter

N. S. Emanuel war gestern so seelig als ers seine Gäste machte und 254,1
sah. Wenn er den Himmel gekauft hätte: so schenkt’ er ihn seinen
Freunden und bäte sich nur aus, als Miethsman darin zu wohnen.

Die Briefe an Amöne und Caroline schicken Sie sogleich hinauf
zu Christian. 254,5


H: ehem. Rudolf Brockhaus, Leipzig. 8 S. 8°. J: Täglichsbeck S. 84. 252,21 11] aus 10 28 Fr.] nachtr. 29 in] aus auf 253 , 3 wärmer werden] aus wachsen 13 die Freuden aller] aus alle die Freuden 21 find’] davor gestr. hab’ 254 , 1 ers seine] aus er seinen
253 , 17 Henriette Voigt, geb. Petersen, und ihr Mann, Hofrat Dr. med. Johann Christian Voigt (1725—1810), wohnten in Schwarzach unter Kulmbach. Vgl. Nr. 257†.

Textgrundlage:

427. An Renate Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 252-254 (Brieftext); 478 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Renate Otto. Bayreuth, 11. Oktober 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_427 >


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