Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Bayreuth [11. ?] O[kt. 1796.]
254,27
Ich wil dein langes Schreiben, Lieber, vorjezt unbeantwortet lassen
und sogleich meines anfangen als wenn du mir gar nichts geschrieben
hättest. — Ich konte mich gleich in den ersten Tagen auf lauter frohe254,30
gefast machen, weil jene die — fatalsten waren, die ich je hier ver
sessen habe. Den Donnerstag wartete der Koffer nicht auf mich, weil
ihn Emanuel zu spät bekam — die Kropf war auf einige Tage ver-
reiset — den Freitag war der Himmel vol Wolken und mein Kopf vol
Migraine — der Sonabend war vol Lust — — und so giengs fort.254,35
Indessen verschattet mir das Weimarsche Riesengebirg, troz aller 255,1
neuen Freunde und Freuden hier, doch die besten Weinreben und man
ches wird nicht zeitig. — Ich wil dir einiges ausheben; aber das ver
sprochene Intelligenzblat vom Kriege vermag ich nicht beizuschliessen,
weil ichs schon wieder verloren habe aus dem Kopf. Das weis ich noch,255,5
daß alles den Krieg bestätigt und den Frieden widerlegt.

Ich war bei Völderndorf [und] esse Mitwochs bei ihm. Ich halt’
ihn unter den Staatsdienern für den redlichsten Man im Lande. Ich
fand blos Güte, Offenheit, Patriotismus und Feuer bei ihm: er würde
mich, wäre der Himmel und der Boden zu brauchen, auf sein Landgut255,10
mitnehmen. Wir öfneten uns einander weit und vol Wahrheit und
Liebe. Sein Äusseres hat troz dem Quartanfieber, nichts von eckigen
Klippen und Felsen; es gefiel mir. Wir kamen auch auf dich und deine
Brüder zu reden; und ich hoffe nicht daß ich euch mehr als christlich
und weiblich ist verläumdet und verschrieen habe. Deinen Albrecht 255,15
lernt’ er erst aus seinen gravaminibus gegen die Notarien-Dornenlese
kennen. „Die Schrift, sagt er, that ihm wohl und weh zugleich“ weh
wegen des gekränkten Verdienstes und wohl wegen des existierenden.
Er wolte durch ein Postskript sein Vergessen verbessern; aber man
antwortete ihm befremdet in Anspach: das Buch sei einmal geschlossen. 255,20
Heute (d. 12ten) seh’ ich ihn am Teller.

Ich habe einen meisterhaften Klavieristen Destouches gehört. Ich
habe einen sehr schönen und klugen Domhern (Rambold) bei der Kropf
fast jeden Tag gesehen. Bei dieser ists alte Himmelsleben: nur daß
Rambold ihr pastor fido ist, wodurch Ahlefeld ein pastor infido ge- 255,25
worden. Dieser hat sich von seiner erotischen Auszehrung erholt und
sieht ganz gut aus. — Die Hofräthin Vogt, die meinetwegen das
2temal hieher gefahren war, gehöret wieder unter die ausgezeichnet
elektrisierten und elektrisierenden Weiber — alt ist sie freilich. —

Ich schreibe diesesmal nur einen kurzen Brief weil ich (mit diesem)255,30
5 Briefe nach Hof zu machen habe, als Antworten auf fünf erhaltene.
Die zwei, die ich jezt schreiben werde, an A[möne] und C[aroline]
überliefere bald. Hier hast du noch dazu Oertel seinen. — Zu Koelle
mus ich, da er nicht da war, das zweitemal hingehen. Der junge er-
zählte, Wieland habe von Erlang nach Hof gehen wollen und der ver- 255,35
fluchte Mangel an Pferden in oder nach Streitberg hab’ alles ver-
nichtet. Das sind die leidigen Folgen des Kriegs.

Wäre nicht die Ausgabe meiner Zeit eine wahre Geldausgabe:256,1
so zög’ ich sobald nicht von hier, weil ich dem Feldman fast nicht viel
mehr zu zahlen habe als Hauszins, kein Kostgeld.

Drei oder vier neue philosophische Schreibbögen mögen meiner
Zählung nach gleich vorn im 1 Bande zu Woldemars neuer Auflage 256,5
gekommen sein und, wenn ich mich recht entsinne, einige alte weg.

Es ärgert mich nicht, daß mich der Teufel gerade ins Aequinok
ziumswetter geführt, das ich erwartet hatte (aber früher): ich habe in
Hof, wo einen keine Fluth von Zimmer in Zimmer spühlt, den Nach-
sommer besser zur Hand. Lebe wohl Alter! Ich wolte, ich hätte die256,10
2 Briefe schon fertig. Herzliche Grüsse an deine Schwester und an
deinen lieben Justiziari[um].

Richter

N. S. Eben komm ich vom seel[igen] Ess[en]. Ich hätte den Völ-
derndorf vor Liebe auch fressen mögen. Der biederste Man im spiz256,15
bübischen Bayreuth.
2. N. S. Donnerstags: Sonabends fahr ich denk ich mit der Kropf
nach Bernek, bleibe in Münchberg und Sontags siz’ ich unter euch.
Heute seh ich den Cassino Bal von 150 Menschen

H: Berlin JP. 8 S. 8° (defekt unter Verlust eines Teils des Datums und eines Textworts 255,7). J: Otto 2,92× (August 1797). 254 , 31 jene] aus es je] nachtr. 255 , 23 Rambold] von fremder Hand verb. in Wambold 35 von] aus in 256 , 5 gleich vorn im 1 Bande] nachtr.
Der Brief ist jedenfalls schon vor dem 12. Okt. (255,21) begonnen, da Jean Paul sonst 255,7 „heute“ statt „Mitwochs“ geschrieben hätte. 255,22 Franz Seraph Destouches (1772—1844), später (1797) Musik direktor in Erlangen und (1799) Konzertmeister in Weimar, gab nach der „Bayreuther Zeitung“ am 22. Sept. und 21. Okt. 1796 öffentliche Kon zerte; Jean Paul scheint ihn also privatim gehört zu haben. 23 Rambold ist Hör- oder Schreibfehler; gemeint ist Karl Ludwig Friedrich Ferdinand Johann Nepomuk Franz von Paula, Freiherr Wambold von Umstadt, geb. 21. Mai 1769 in Mainz, seit 1. Febr. 1781 Domherr in Würzburg, gest. 14. Mai 1842 in Bamberg. (General-Personal-Schematismus der Erz diözese Bamberg, hgb. von F. Wachter, Bamberg 1908, Nr. 10725.) Vgl. 339,16f. und Persönl. Nr. 221, S. 190,24ff. 33 Koelle: vgl. 96,16†. 35 Wieland war im Sept. 1796 auf der Rückreise von der Schweiz (vgl. zu Nr. 339) durch Erlangen gekommen. 256,4–6Die „neue verbesserte Auflage“ von Fr. H. Jacobis Roman „Woldemar“ erschien 1796 in Königsberg. 12 Justitiar: Albrecht Otto.

Textgrundlage:

429. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 254-256 (Brieftext); 479 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Bayreuth, 11. Oktober 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_429 >


Zum XML/TEI-file des Briefes