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Bayreuth d. 12 Okt. 1796.
256,21
Liebe Amöne! Ich erhielt in 1 Sekunde Ihren und drei andere Briefe,
die alle die Möglichkeit meiner Behauptung prüften, daß in das
Menschenherz ein wenig mehr Liebe als Blut hineingehe . Ich hatte
Recht gehabt. Ich übe mich sogar zuweilen, daß ich Freunde und256,25
Freundinnen — und jeden Akteur und Aktrice noch dazu im Blüten
stande der Forcerolle — um mich in einem Zirkel stelle und meine Seele
frage: kanst du sie alle neben einander (nach einander ist leicht) lieb
haben? Der Teufel solte die Seele holen, wenn sie nicht könte oder
nicht wolte. Aber Übung brauchts — und dan ist das ganze Herz ge256,30
läutert und hat im Freunde nur die Freundschaft lieb, im Menschen die
Menschheit.

In Ihrem Brieflein ist ein wenig mehr von dem Herbstfroste,257,1
auf den sogleich der warme Weibersommer kommen wird, als in
Ihrer Brust. —

Anlangend Oertels Brief, so bezieht er sich auf folgende Stelle in
Ihrem Briefe, die in meinem tadelhaften Kleeblat das dritte Blat257,5
war: „Befürchten Sie nichts, zu dem einen sind Sie zu gut; zu dem
andern bin ich nicht gut genug.“ Dort haben Sie ihn auf eigne und
fremde Kosten zu sehr gelobt und hier sich auf eigne und fremde Kosten
zu sehr getadelt; das noch abgerechnet, daß Sie nie, zumal im ersten
Briefe und als eine Neubekante, eine zweifelhafte Aeusserung durch257,10
eine Widerlegung für eine andere erklären durften, da Sie sogar eine
klare nicht einmal bemerken solten.

Ihr Herz ist ewig rein; aber Ihre kleine Selbstsucht 〈Ichheit〉 nimt
oft für jenes zuweilen das Wort. Diese Ichheit halten Sie darum für
besiegt, weil sie nicht bestritten wird. Freilich da man Sie weiter257,15
nichts kan als lieben: so wird Ihre Ichheit wenig — beleidigt und sie
braucht also nicht zu reden. Werden Sie aber durch Ihren wärmsten
Freund nur von weitem versehrt: dan thun Sie nichts als was allen
Ihren warmen Stunden widerspricht. Sobald Sie nicht schonen und
tragen (aus Moral und Selbstbesiegung) wie Otto thut: so ver- 257,20
mengen Sie nur das schweigende Ich mit dem stumgewordnen.
Der Mensch hält sich oft für verändert, indes nur die Lage es ist. Sezen
Sie sich mit heller Phantasie in irgend eine alte unähnliche Lage
zurük und belauschen sich, ob Sie mit der jezigen Seele in der alten
Lage nicht noch weniger tolerant wären als Sie waren. — Auch legen257,25
Sie wie Oertel auf Freundschaft einen zu grossen Werth: erst wenn
man uneigennüzig und ungekant für die Menge um sich her, für die
Dummen, die Schlimmen, die Armen mit Theilnahme als für ewige
unzerstörliche für mehrere Welten bestimte Wesen Wünsche gethan
und Arme geöfnet, wenn man sich in ihre Freuden und Irthümer257,30
schonend und freuend gedacht: dan weis man gewis, was man an nähern
höhern Menschen, am Freunde, liebe und wolle. In Rüksicht dieser
algemeinen Theilnahme an der ganzen Erde, womit ich nur die Qualen
und Rechte 〈Bedürfnisse〉, nicht die Vorzüge des Andern aufsuche,
bin ich schon längst mit mir ins Reine; wollen Sie mir in Rüksicht der257,35
obigen Ichheit mein eignes Beispiel vorwerfen: so gewinnen Sie
nichts als daß Sie mich demüthig und bescheiden machen aber nicht
irre. Ich hätte darum nicht über Sie Unrecht, weil Sie über mich258,1
Recht hätten. Mich trösten aber meine langen Kämpfe und meine
kurzen Siege über diese Erbsünde.

Ihnen, gute Amöne, kan man alle Wahrheiten mit der Zuversicht
Ihres innern Echos sagen. Sie können nur in Irthümer, nicht in258,5
Fehler fallen. Was ohne Bitterkeit getadelt wird, legen Sie ohne eine
ab. Ich sage nicht einmal, vergeben Sie mir etwas, das meine — Pflicht
war. Ihre Neujahrsbetrachtung in Ihrem Tagebuch giebt mir eben so
wohl den Muth der Offenheit als — ausser der höchsten Achtung für
ein gen Himmel wachsendes Herz — die Hofnung des Gehörs. Nein,258,10
meine neue und alte Freundin, wenn wir wieder auseinander ge
worfen werden: so betheuer’ ich vorher, nur mein Schmerz über den
Mehlthau in der schönsten, volsten Rose treibt mich fort. Der
Himmel wend’ es ab! Ich liebe Sie so sehr, so lange, so herzlich, so un
eigennüzig; aber jede neue Trennung war die längere und die längste —258,15
möge schon gewesen sein, nicht erst kommen.

— Vergeben Sie diesen Blättern die scheinbaren nur aus der Eile
kommenden Härten. Mein Inneres ist weich gegen Sie. Und so lebe
denn froh, Schwester meiner Vergangenheit, und nim mich liebend
auf!258,20

Jean Paul
Fr. Richter

N. S. Ihr Auftrag wird freudig besorgt. Koelle’n werd’ ich erst
sehen. Recht viele Grüsse an Ihren lieben Bruder

H: Kunst- u. Altertümersammlung der Veste Coburg. 8 S. 8°. K (nachtr. im Nov. nach Nr. 268): Amöne 12 Okt. 96. i: Wahrheit 5,175×. J: Otto 4,238. 256 , 24 hineingeht K 26 und Aktrice] nachtr. H 27 der] aus seiner H meine Seele] mich K 257 , 5 in meinem] aus nur im H 7 Dort] aus Hier H 8 hier] nachtr. H 11 eine2] aus seine H 13 nimt bis 14 Wort] aus fället oft jenem ins Wort H 27f. für] dreimal nachtr. H 258 , 1 hätte] aus habe H 10 gen] aus gegen den H 15 war] aus ist H

Textgrundlage:

430. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 256-258 (Brieftext); 479 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Bayreuth, 12. Oktober 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_430 >


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