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Hof d. 1 Dec. 94 .
37,2
Liebe Freundin

Ob ich gleich heute in allen meinen Nerven kränkle: so zucken sie doch
bei Ihrem Briefe wie bei einem glühenden Eisen wieder auf. Er giebt37,5
Ihnen alles wieder — die Wärme ausgenommen —, was Ihnen meine
Misdeutungen abgesprochen haben. Das feine Gefühl der zurükgezog
nen Weiblichkeit, das mich bisher an Ihre Seele kettete und was hier
nur eine noch in dem Grade hat (die Ottoin), das sich aber oft von der
Kälte ernährt, vereinigt sich in Ihrem Bilde noch mit dem schönsten37,10
Zuge, mit der Freimüthigkeit. O Sie sind grausam, da Sie gerade in
dem Augenblicke mir Ihr ganzes schönes Herz enthüllen, da Sie es auf
immer verschliessen. — Aber was ich jezt schreibe, kan nur Ihre Gründe,
nicht Ihre Gesinnungen bestreiten wollen. Denn sind diese einmal so wie
Sie glauben oder behaupten: so kan ich nur schweigen und ich wolte37,15
lieber meine Gefühle und das, worin sie schlagen, zerknirschen als Mit
leiden erregen wollen, welches Wort Sie in Ihren Brief nicht hätten
aufnehmen sollen. Ihr einziger Grund, der Ihnen Ihre Verwandlung
in eine Freundin gebietet, ist das Wort: „ich sehe schon es wird mir bei
Ihnen gehen wie es etc.“ Bei Gott! welchen andern Sin, den Ihr Ge- 37,20
fühl nicht detaillieren wil — und doch sol meines hart genug gewesen
sein, ihn gebraucht zu haben? — konte jener Ausdruk haben als den:
„ich werde mir am Ideale das ich mir von Ihnen gemacht, eben so gut
„einen schönen Zug nach dem andern auslöschen wie ichs bei ** thun
„muste.“ Kont’ ich denn im höchsten Zorn etwas sagen, das in dem Sinne,37,25
den Sie mich errathen lassen, drei Personen auf einmal, und mich am
meisten heruntersezte? Wenn ich den Schleier, der mein Verhältnis
mit * zu meinem Nachtheil ewig bedekt, wegziehen dürfte: so würden
Sie noch eine andere Ursache sehen, warum jener rohe Sin unmöglich
der meinige sein konte. Und sind Ihre Launen, die Sie zur Wirkung 37,30
jenes Wortes machen wollen, nicht der Anlas desselben gewesen? Das
Meiste womit Sie mein Inneres drükten, war lange vor jenem Worte
dagewesen. Ich gesteh’ es, weder Ihr meistens kalter Absagebrief noch
eine solche Wirkung eines Wortes, das Sie durch lauter Qualen ab
gepresset haben, sind mir erklärlich. O das heilige Feuer der Liebe, das37,35
an allen Fibern des Herzens glimmend frisset, dieses löschet von dem
Tropfen eines Wortes nicht aus, nichts erdrükt es als moralische grosse
Fehler! Wo es also so leicht untergeht: da ist es der kurze fliegende38,1
Funke Eines Tages gewesen und mehr nicht, der zu seiner Verlöschung
nichts brauchte als blos — Zeit.

Theuerste Freundin! nehmen Sie alles was ich sage, eher sanfter als
strenge: ich ehre Sie jezt unaussprechlich, ich habe jezt kein anderes38,5
Recht als das, Ihren Tagen alle Wolken zu nehmen, aber nicht zu geben.
Und glauben Sie mir, ich habe immer mehr gehoft als gewust; o wenn
ich Ihre Worte: „ich fühlte zwar einst Liebe für Sie“ je klar in Ihrer
Seele gelesen hätte: so hätt’ ich Ihnen alles vergeben, alles alles wie
jezt. — Was Sie fodern, das giebt Ihnen mein ganzes Herz rein, heilig,38,10
vol und heis, eine Freundschaft ohne Launen, ohne Trennung, ohne
Vorwürfe. Aber lostrennen werd’ ich mich durch eine stufenweise Ab
sonderung von Ihrem Hause (wo mich ohnehin eines ums andere be-
leidigt), wie am Ende von Hof. Diese blutige Losreissung befehl’ ich
mir, nicht um kalt zu werden sondern um warm zu bleiben. Sie wissen38,15
nicht, in welchem Grade ich Herr über alle meine kochenden Gefühle
werde, wenn es sein mus; um mich abzukühlen, komm ich täglich, spreche
täglich gleichgültige Dinge, stelle mich gleichgültig und eh’ ichs weis,
bin ichs. Aber unsere Liebe sol sich nicht so mörderisch endigen: ich wil
das milde Bild einer kurzen vorübergeflognen Liebe heilig in meiner38,20
Brust befestigen und nicht blos Ihr Freund sein, sondern Ihr treuester,
heissester Freund. Und so ziehe denn hin, beste [Karoline], und verlasse
den, den du nicht gekant hast — der Frühling, auf den ich mich so freuete,
blühet wieder auf, aber unsere Liebe bleibt entblättert liegen und alle
schönen Abende dar[in] — du findest das Herz nicht mehr, das meinem38,25
gleicht — ich wil ein Engel sein, wenn meine Geliebte es ist — O es
wird dir wehe thun, es wird dein Auge und dein Herz auseinander
drücken, wenn du einmal zu Ostern in meinem Buche meine Seele
wiederfinden wirst, die du so kalt von deinem Herzen wegdrükst — Hier
steh ich an der Gränze zwischen Freundschaft und Liebe und habe mir38,30
nichts vorzuwerfen und habe rechtschaffen gehandelt und reiche noch
einmal meiner [Karoline] die alte Hand, die sie nicht mehr drücken wil
und sage: lebe wol, sei unaussprechlich glüklich, aber du hast mich nicht
gekant. Dein

ewiger Freund38,35
Richter

N. S. Ich werde wahrscheinlich heute kommen, weil es mir nach39,1
einem solchen Briefe zu wehe thäte, Sie zum erstenmale in Beisein
eines abwesenden Paars zu sehen, das sich auf eine sehr undelikate
Weise in unser Verhältnis mengte und dem ich meine meisten Mis
deutungen und Ihre meisten Anlässe dazu schuldzugeben habe. Ich gehe39,5
sogar heute wieder hinauf zu Ihnen, weils doch schwerlich mehr ge
schehen wird — Ist Ihnen aber meine Erscheinung in der Lernstube un
bequem: so sol mir ein zusammengelegtes leeres oder volles Papier,
das ich unter dem ersten Buche auf dem Tische in der Dämmerungs
oder Durchgangsstube um 9 Uhr finde, das Zeichen sein, daß ich nicht39,10
kommen sol. Ich bin müde, müde und ausgeschöpft

H: Berlin JP. 7½ S. 4°. Wie in Nr. 39 ist der Name 38,22 u. 32 heraus geschnitten. J: Wahrheit 5,65×. 37,20f. Ihr Gefühl ... wil] aus Sie ... wollen 23 am] aus vom 33 meistens] nachtr. 38 , 2 gewesen] nachtr. 13f. die Parenthese nachtr. 14 blutige] nachtr. 21 befestigen] nachtr. 23 gekanst 29 deinem Herzen] aus diesem 39 , 9 dem ersten] gestr.; die Korrektur, die wahrscheinlich darüber stand, ist mit dem auf der andern Seite stehenden Namen herausgeschnitten.
37 , 9 Friederike Otto. 20 Wahrscheinlich ist zu ergänzen: wie es mir bei Amöne ging; vgl. zu Nr. 14. 38,28 Hesperus. 39,3 Vielleicht das Ehepaar Franck; vgl. das folgende Billett und Nr. 7†.

Textgrundlage:

44. An Karoline Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 37-39 (Brieftext); 403 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Liebmann und Johann Christian Conrad Moritz. Hof, 1. Dezember 94. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_44 >


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