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Eiligst
Hof. d. 5 Nov. 96.
266,5
Du hast 2 Menschen Unrecht getan, und ich einem, dir. —

1) Ich grif nie deine Praxis der Liebe sondern nur deine Psevdo
Theorie derselben an, die ich noch immer für egoistisch halte. Hab ich
dir nicht geschrieben, daß deine Ruhe und Freude die Richterinnen deiner
Näherung wären, d. h. daß deine Liebe so lang recht ist als sie dir nichts266,10
giebt als — Freuden? — Müst’ ich mich nicht in dir selber verdammen,
da meine Wärme gegen A[möne] sich wenigstens so äussert wie deine?
Wie könt’ ich einen Seelenbund enger zusammenziehen und unter
stüzen, wenn ich ihn tadeln könte? Denn in diesem Falle dürfte ich ja
deine Briefe nicht an mich adressieren lassen. — Alles was ich dir ge266,15
schrieben, hat A. billigen müssen, wenn ich mit ihr darüber sprach.
Allerdings ist der Gegenstand der Liebe nur Liebe, aber nicht gegen —
mich. Es wäre jämmerlich wenn ich jemand d. h. seinen ganzen morali
schen Gehalt von Siegen und von Liebe gegen andere, nicht lieben
könte, im Falle er mich hinter einem schwarzen Schleier schwarz sähe266,20
und also haste. Christus sagt’ es ja schon, es sei kein Verdienst Freunde
zu lieben, das thäten schon die Zölner. Ich müste hier die Abhandlung
über das Er etc. in meinen Blumenstücken ausschreiben, um mich zu be
weisen. So kurz kan ich aber deinem System nur die Zweige, nicht die
Wurzel nehmen. Ich werde dir nie einen Tadel mehr sagen: du bist zu266,25
empfindlich und ich mache grössere Schmerzen als ich verhüten wil.
Unsere Zentripetalkraft gegen einander überwindet unsere Zentri
fugalkraft: also hörst du meine Meinung nie mehr als wo sie die deinige
ist.

Meinem Otto — den du so gut wie Amönen durch eine Nebelbank 266,30
siehest, nur mit umgekehrtem optischen Betrug — hast du ganz Un
recht
gethan. Er wuste nichts, er sah und hörte meinen Brief nicht, er
erstaunte über deinen, er hat gegen deine Briefe nichts, aber alles
dafür, er errieth endlich durch mich, daß mein Brief auf die Allegorien
sprache des seinigen falsche Reflexe geworfen. Ganz, ganz hast du ihm266,35
Unrecht gethan, ihm dem Unschuldigen, mehr als mir dem Unvor
sichtigen. — Und so leicht reissest du deine Seele aus den Armen zweier267,1
Menschen? Darf kein Freund dem andern vorwerfen, nicht einmal die
unschuldige und unwilkührliche Verwandlung der Freundschaft
in Liebe? Und nicht einmal das hat einer von uns gethan, weil keiner
sie glaubt; aber wenn nun? Wilst du keine Meinung hören als deine? —267,5
Deine harte Festigkeit und Ründung in dir selber stellet dich vor meinem
moralischen Ich hoch und ich liebe sogar deine — Erbitterung; aber wie
hart warest du gegen uns beide! Ich schweige über mehrere Täu
schungen, weil ich dir versprochen habe, dir nicht meine Meinung zu
sagen als wenn sie deine ist, welches ja nicht selten zutrift.267,10

Ich und Otto sind kühler — nämlich mit dem Kopfe — wie du und
wir beide hatten eine Freude über das moralische Aufbrausen in
deinen Briefen; aber mich drükt die Reue, dir Schmerzen — und noch
dazu vergebliche — gemacht zu haben. Mit der Scientia media hätt
ich jenen Brief nicht geschrieben. — — Also: ich ehre und liebe dein267,15
Verhältnis zu A., das ist wie meines — (aber nicht deine erotische
Hyperphysik) — und daher entziehe unserer dreifachen Freundin keine
Zeile! Das Schauen in die ofnen Paradiesesthore des Elysiums deiner
Phantasie schliesset ihr milde bunte Welten auf — brich deinen schönen
Frühling nicht so schnel mit Nordwinden ab! Also, lieber Oertel, schreib267,20
ihr wie immer, durch Ottoische, Renat[ens] oder meine Adresse. Ach es
thut mir so wehe, dir mit einem unschuldigen Widerspruche eine so un
nüze Wunde in dein mit frohem Blute gefültes Herz gerissen zu haben.
Ach daß es sich nicht in dieser Minute schliessen kan, sondern erst nach 3
Tagen! — Schreibe ihr, Lieber! und vergieb mir, denn ich vergebe dir!267,25

Richter

Du wirst noch einen Brief bekommen, lies dieses Blat zulezt.

Nachschrift den 6 Nov. um 5 Uhr als ich deinen lezten Brief bekam.

O du mein Geliebter, du demüthigst mein Herz. Edler war kein Brief
geschrieben als dein lezter; schönere und reuigere Thränen hab ich nie267,30
vergossen. Nim wieder meine Seele an deine, nicht meine liebende —
denn die hattest du schon — sondern meine sanftere. Ach ich möchte dich
jezt umarmen. O du Theuerer, ich habe dich geliebt, ich liebe dich, ich
werde dich lieben — Und du, sei gegen mich wie ich gegen dich! — Lebe
wohl, Tugendhafter, Geliebter und Liebender!267,35

Richter

H: Berlin JP. 4 S. 4° u. 2 S. 8°. K (nach Nr. 441): Oert. J: Denkw. 1,342× (die Nachschrift irrig S. 373, Nov. 1798). 266 , 10 Sie H 14 dürfte ich] aus dürftest du H 17 ist] davor gestr. liebt H 20 im bis Schleier] Wenn ich durch einen schwarzen Schleier einen K 27 überwindet] besiegt K 33 deine Briefe nichts] aus nichts etwas H 267 , 18 Schauen] aus Anschauen H 19 schliesset] aus wehet H brich] aus endige H 24 3] aus 2 H 27 hier beginnt das Oktavblatt H 30 reuigere] aus reuige H
266,22 f. Abhandlung über das Er: vgl. Nr. 180†.

Textgrundlage:

448. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 266-267 (Brieftext); 482-483 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 5. November 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_448 >


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