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Hof d. 8 Nov. 1796.
269,13
Mein guter Emanuel!

Meine Hofnung, Ihnen die Blumenstücke und einen Brief zu 269,15
schicken, lösete sich sehr spät in den Empfang der blossen Aushänge
bogen auf, aus denen erst in 3 Wochen der entpupte Sommervogel
bricht. So lange kont’ ich nun nicht schweigen. Aber was hab’ ich zu
reden? oder über was? Bei der Wahl zwischen Universum und Nichts,
zwischen Abhandlungen und Einfällen — denn das ist die meinige —269,20
kan ich sie auf nichts als auf das Schlimste richten. Ich beantworte
jezt allen meinen Freunden kaum den dritten Brief. Ich habe so viel zu
lesen, zu exzerpieren, zu visitieren, Papier und Feder zu schneiden,
manchmal Athem zu holen, Gänge auf der Chaussée und auf dem
Klavier und zuweilen wohl gar ein Buch zu machen, daß ich mir offen269,25
bar nichts leichter machen kan als Feind-innen durch Schweigen:
Feinde nicht, mein Emanuel ist ein Man und also — ein vergebender
Beichtvater.

Sagen Sie Elrodt auf seinen Brief, daß ich das Blätgen, das er
fodert, machen wil.269,30

Ach mein Emanuel, ich denke immer an die lezte schöne zerrinnende
Stunde bei Ihnen.

Ich habe Sie, was noch bei wenig Menschen möglich war, jedes
Jahr stärker geliebt. Achtung und erotische Liebe kan die schnelle
Sommerfrucht Eines Tages sein; aber freundschaftliche ist die270,1
zögernde Wintersaat der Angewöhnung. Tausend Stunden müssen erst
mit ihrem Wurzelnepheu zwei Herzen durchwachsen und sie so mit un
zähligen Fasern an einander ziehen. Freilich kont’ ich in Einer Minute
der Freund Herders sein; aber im Grunde war ichs doch erst durch 270,5
viele Jahre d. h. Bücher von ihm geworden: seine Feder war der Ersaz
der Angewöhnung und die Enthüllung des Autors vertrat die des
Menschen.

Ich wohne jezt unter einer ganzen Orangerie von Liebe, und wünsche
nun nichts mehr in der (Höfer) Welt als — Zeit. Ach jezt solten Sie 270,10
unter uns sein in unserem Kongresse und Konvente der Freundschaft.
Leben Sie wohl, mein Guter, mein Hochgeachteter, Unvergeslicher, so
Weicher und so Starker! Gewähren Sie mir so viel Verzeihung als
ich Ihnen Liebe!

Richter
270,15
Meine wärmsten Grüsse an Ihre Lieblinge oder an meine

K (nach Nr. 450): Emanuel 8 Nov. 96. *J: Denkw. 1,55. A: IV. Abt., II, Nr. 156. 269 , 25 zuweilen wohl] oft K 26 Feind-innen]so K, Feindinnen J 270 , 4 einer J, 1 K
269 , 29 f. Blättchen für Ellrodt: vielleicht für dessen Jugendkalender, vgl. zu Nr. 155.

Textgrundlage:

*455. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 269-270 (Brieftext); 484 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 8. November 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_455 >


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