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[ Hof, 8. Nov. 1796 ]
270,18
[Da mich Ihre Gründe gegen die „Vernichtung“ und „Monds-
finsternis“ nicht überzeugen, so würde ich durch die Befolgung Ihrer270,20
Bitte mich selbst verläugnen. Ich kan viel opfern, aber nicht meine Be
geisterung für die Unsterblichkeit und deren Hofnung. Kein Verhältnis
darf auf das des Dichters einen Einflus gewinnen. Vortreflich gesunde
Naturen wie Sie haben wohl ähnliche Meinungen über Verhältnisse,
aber für Schwächlinge ist es Arsenik.270,25

Zehn Tage war ich in Bayreuth, an den zwei lezten sprach ich zu
einem langen Abschiede die Fr. v. Krüdner, die nach Lausanne reiste,]
um ihre schöne Seele an den Gletschern zu erwärmen. [Ihre grosse
Aehnlichkeit und Unähnlichkeit brauchte eine mündliche Schilderung.

Durch die Krüdner sind mir die Etudes de la nature von St. Pierre 270,30
bekant worden. Sie kennen sie wohl? Rousseau hat auf ihn gewirkt,
aber nach ihm hat auch keiner weder schöner noch wahrer geschrieben.

In Ihrem Urtheil ist eignes Gefühl zuweilen vorlaut, daher gefält
Ihnen Ihr Echo im Hesperus. — In den Mumien und der Monds-
finsternis misfält Ihnen zu sehr das mit Ihnen Dissonierende; aber ich270,35
verlange Ihr Urtheil über den dritten Theil des Hesperus. Sie sind eine
transszendente Portraitmalerin der Individuen; dies verstehen271,1
Franzosen, aber keine Deutsche. Sie sind in diesem Punkte keine.]

Ein mänliches Herz ist der Tummel- und Zimmerplaz der ganzen
Welt, das Kampffeld der politischen Verhältnisse und die Grotte der
Freundschaft. — Der in so viele Arme zertheilte Strom der Liebe geht271,5
dan freilich nicht so tief und breit dahin als der, der unzerlegt aus einem
weiblichen Herzen fliesset, das selten mehr umfängt als das, was es ge
heirathet und was es geboren hat. — Eine Seele, die [der] Guyon
Herz in ihre Brust zu ziehen und zu fassen weis, täuscht sich über das
Misverhältnis zwischen ihrem Werthe und ihrem Glauben, sie ist271,10
grösser und geistiger als ihr Glaubensbekentnis. — [Schillers]
Furien Almanach hat mehr Salz als Farben: alles darin ist klein, aus-
genommen das Kleine [die Epigramme. Ich werde nie etwas darüber
sagen, so sehr die Mishandlung eines Reichard, Hermes etc. einen
Bluträcher aufruft; aber] der genialische Egoismus, der heftigste271,15
[unter allen], verdient [im Algemeinen] äzende Farben und breite
Striche. [Doch habe ich gegen Göthe und Schiller eben so viele Liebe
als eigentliches Mitleid mit ihren eingeäscherten Herzen. — Warum
hör’ ich nichts von meinen geliebten Herders, die wie Jugend- und
Heiligenbilder vor meiner Sehnsucht stehen, und von den andern, be271,20
sonders von Knebel, den ich zugleich liebe und bekämpfe. — Ach Sie
halten mich für so veränderlich und ich habe noch keinen einzigen
Menschen aus Weimar vergessen, wie viel weniger Sie, aber] Ihre
Hand drükt seltener meine Hand als mein Herz und presset dieses blutig.
[Ersparen Sie mir jeden Argwohn. — Ich werde Ihnen lange nicht271,25
schreiben, aber oft an Sie denken.] — In Ihr weites glühendes Herz
senke das Geschik immer die Flammen Nahrung.

K: Ostheim 8 Nov. (17 N. gieng er ab). i 1 (nicht nach K): Denkw. 2,34 (24. Okt. 1796). i 2 (nicht nach K): Denkw. 2,35 (8. Nov. 1796). B: IV. Abt., II, Nr. 144. A: IV. Abt., II, Nr. 155. Der erste, dritte und vierte Absatz sind aus i 1, der letzte ist aus i 2 entnommen bzw. ergänzt. Der zweite Absatz steht bei Förster in Nr. 317 (Denkw. 2,11) nach 197,30 mit einer kleinen Variante: 270 , 28 ihre schöne Seele] sich 270 , 19 f. Mondfinsterniß i 1 34f. den Mond finsternissen i 1 271 , 26 In bis 27 Nahrung.] In Ihr Herz schenke [!] das Geschick die Flammen der [!] Nahrung! i 2; dieser Satz kehrt bei Förster noch einmal in richtigerer Fassung in Nr. 515 wieder (Denkw. 2,39) in folgendem, vielleicht ganz hierher gehörigen Absatz: Sie bleiben einzig — ich liebe sogar Ihre tadelnden [mehr] als Ihre lobenden Irrthümer; aber am meisten lieb’ ich jede Zeile, die mir Ihre frohe häusliche Eingezogenheit schildert. Ihre Klagen über das Zerfallen Ihres innern Lebens hätten mich stärker erschreckt, hätte ich nicht in jedem Ihrer Briefe das unzerbrochene Tempelgewölbe einer festen und reichen Seele wahrgenommen. — In Ihr Herz senke das Geschick immer die Flammennahrung! Wenn wir uns wiedersehen, vergeben wir uns noch ehe wir [uns] entschuldigt haben.
Das Datum von i 1 stimmt keinesfalls, vgl. Nr. 446 und 462f. Charlotte hatte in B flehentlich gebeten, die „Geschichte meiner Vorrede“, aus der ihr Jean Paul die Erzählung „Die Mondsfinsternis“ geschickt hatte, nicht drucken zu lassen, da der darin herrschende „christkatholische Geschmack“, das „Ködern mit dem Verführen“ ihrer Denkart von Grund aus zuwider sei. (Von der „Vernichtung“ ist in B nicht die Rede; doch ist B wohl un vollständig überliefert.) 270,30–32 Bernardin de St. Pierre, „Etudes de la nature“, Paris 1784ff. (die späteren Ausgaben enthalten auch „Paul et Virginie“); vgl. 379,26 und I. Abt., VI, 232, Fußnote. 34 Vgl. B: „Ich möchte Ihnen über Ihren Hesperus viel sagen ... Ich habe über Männer und Frauen, über Freundschaft und Liebe eine Bemerkung ge macht. Männer wollen nur die Überzeugung, sie können uns Freunde sein; und wir betrügen uns über euch bis ans Ende ...“ 271,8 Guyon: vgl. zu Nr. 356. 12ff. Vgl. B: „Haben Sie schon den Schillerschen Musen almanach gesehen? ... Auch Ihrer ist gedacht — zwei gehen an, eins verzeih’ ich nicht.“ Vgl. zu Nr. 441. Vielleicht fand sich hier Jean Pauls Äußerung über die Xenien, die Karoline Herder am 30. Dez. 1796 an Gleim berichtet: die Füchse könnten ihm seine Saat nicht verderben. (Von und an Herder, Bd. I, S. 220.) — Nach A enthielt der Brief die Ankündi- gung, daß Jean Paul im Frühjahr auf längere Zeit nach Weimar kommen werde.

Textgrundlage:

(*) 456. An Charlotte von Kalb in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 270-271 (Brieftext); 484-485 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Charlotte von Kalb. Hof, 8. November 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_456 >


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