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Hof d. 9 Dec. 94 .
39,23
Mein lieber Guter,

Du hast mich sehr gefreuet, daß du mich noch auf eine nähere Art als 39,25
am Tage auf deine Spaziergänge mitgenommen. Ich kan dir nicht be
schreiben, wie sanft und süs sich alles Poetische und Milde in meine
arme nach eignen und fremden Ergiessungen lechzende Seele einsaugt.
Ob du mir gleich vor vielen Jahren etwas von weitem ähnliches ge-
geben — es betraf die Halle einer katholischen Kirche im Sonnen- 39,30
untergang —: so lies es doch dieser Seite an dir noch in meinen Augen
die Neuheit. Du zwingst mich (zumal durch deinen lezten Brief) durch
deine bescheidene Art, mein Lob auszulegen — indes du bei mir eine
entgegengesezte voraussezest — überal recht bestimt zu sein. Ich lobe
eben so gut durch Schweigen am stärksten wie du, nur daß oft der39,35
Enthusiasmus mir die peine forte et dure anthut und mich zu reden40,1
zwingt....

Der Plan deiner Seelen-Silhouette, die anfangs wie die Wolken
verschattungen zweifelhaft um die Gegend zu rinnen scheint und die eben
durch diese Zweifelhaftigkeit die Seele des Verf. und Lesers für sein40,5
Gemälde grundieret, hat einen Plan und ist bis auf alle kleine Linien
(meines Bedünkens) abgemessen. — Ueber das Einzelne:

Die perpendikularen Striche am Rande bezeichnen wie Obelisken die
schönsten Stellen deiner Gegend.

1. 1. Kleine Bestimmungen, die nur der Wahrheit, nicht der Be40,10
lebung dienen, unterdrück’ ich. Du glaubst nicht, was man in der Poesie,
troz den entgegengesezten Beispielen, durch Vertilgung der Adver
bien und Interjunkzionen, die sämtlich keine Farbenkörner sind, er
beutet — gerade so viel wie in der Satire durch die Benüzung der
selben.40,15

3. Eigentlich: „vollertönend“ — werdend ist blos abstrakt — du must
1 Verbum haben.

4. 4. Oben stehet eine Menge Substantiven, deren Beziehung und
Wirkung durch den Aufschub des Verbums entkräftet wird. Also schick’
es voraus.40,20

5. Sage nie „scheint, dünkt, werdend“ — Du giebst hier der dunkeln
Wolke zuviel Lichter. Blütenschleier ist nicht gewagt für einen Baum,
aber wol als Metapher einer Metapher.

6. „fahren“ war zu oft da, und ist nicht edel genug, daher ichs oft
von mir brauche.40,25

7. Nach der erhabnen Beschreibung dieser Gestalt und ihrer Fackel,
giebt die Umkreisung weder ein helles noch angemessenes Bild —
Dieses Lodern nach allen WeltEcken ist ohne diesen Zusaz beschrieben.

8. Je grösser die Erwartung des Lesers ist, desto leichter kühlet sie
sich schon durch Warten ab. Also mus die Erscheinung dicht aus der40,30
Wolke treten. Das was sie hier sagt, klingt in der nachzitternden Seele
wieder und zumal das wagrecht Unterstrichene ist erhaben.

9. „Dünkt“ weg — „oder“ weg.

10. Sage nur mit einem Zuge, daß es auf der schwebenden Erde war.

10. Da ich oft in diesem Falle war: kan ich dich errathen: hier warst40,35
du zu sehr im Enthusiasmus. Dieser hat so sehr seine Gränzen daß ich
im höchsten nur mache, was ich den andern Tag wieder vertilge. Selten
hast du die mich untertauchenden und zerstossenden Wellen des höchsten41,1
Enthusiasmus auf dem Papier wiedergefunden — denn am andern
Tage regulier’ ich die Fluth durch die Ebbe. Der dunkle in Wolken
stehende und in Wolken reichende Gigant Ewigkeit darf nur Sylben,
nicht Worte reden. Die Phantasie besticht der Schleier. Lasse sie41,5
noch 3 Worte reden und das andere Gute hier fliesse nicht aus
ihrem sondern aus deinem Munde. —

Und weiter hab ich nichts zu sagen, mein guter Christian. Die Ewig
keit, die mir immer so nahe und oft so kalt ans Herz trit, spiegelt mir
wieder durch einen schönen Zufal deinen Geburtstag vor, bei dem ich41,10
dir keine Wünsche bringen kan, nicht deinet- sondern meinetwegen:
denn ich fühl’ es zu wol daß wir nur Ein Schiksal haben können und daß
wenn einer von uns unglüklich wäre oder stürbe, der andere auch weiter
nichts zu thun hätte als ihn nachzuahmen und zu vergehen. Und so geb’
ich dir denn wieder am neuen Thor deines Lebens meine Hand auf ewig,41,15
mein lieber Guter und das Schiksal sieht uns zu und kan uns nie trennen.

Richter


H: Berlin JP. 4 S. 4°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 223) ohne Überschrift. J: Otto 1,178×. B: IV. Abt., II, Nr. 14. 39 , 27 in] aus an H 40 , 12 entgegengesezten] nachtr. H 18 stehen] aus stehet H 24 daher] aus da H 32 wagrecht] nachtr. H 41 , 6 andere] nachtr. H
Der 9. Dezember war Ottos Geburtstag. Es handelt sich wahrscheinlich um den in Nr. 56 und 68 erwähnten Traum. 39,29–31 Vgl. Bd. I, 521, zu Nr. 363. 32ff. Vgl. B: „Alles, worüber ich schweige, das lobe ich.... Bei mir ... ist es freilich anders. Ich kenne deine Liebe zu mir, und darum suche ich gerade in einem Zeichen des Lobes, das du an meine Sachen machst, ... einen Tadel des Übrigen.“

Textgrundlage:

46. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 39-41 (Brieftext); 403 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 9. Dezember 94. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_46 >


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