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Hof d. 27 Dec. 1794 .
41,19
Beste Freundin,41,20
Es kostet mich alle Anspannung des kühlern Nachdenkens, daß ich
mich zu einem warnenden Worte zwinge, eh’ ich meine Empfindungen
mit Ihren zusammenfliessen lasse. Und dieses Wort, das ich bald ab
kürzen werde, ist: daß Sie doch nicht den Schmerz für etwas halten,
dessen Ernährung so verdienstlich ist wie seine Erstickung — daß Sie41,25
doch nicht mit Ihrem ofnen Herzen sich so heftig in seine Stacheln
werfen, weil Sie wenn Ihre innere Zerrinnung jährlich so wächset wie
seit 2 Jahren, ja am Ende eine ganz wehrlose zerflossene Seele für die
grossen tiefen Schläge des Schiksals mitbringen würden, die jeder von
uns am Todtenbette seiner Verwandten und Freunde gewis erwarten41,30
mus. Die verstekte Süssigkeit solcher poetischer Qualen besticht uns,
sie zu suchen stat sie zu stillen. Aber was wäre denn am Ende eine so
ganz wunde weiche zergangne Seele vor den Ungewittern, durch die
jeder von uns mus? — Glauben Sie mir, weder im Schmerze noch
im Jubel ist der Mensch am besten, sondern in der Ruhe, im heitern41,35
Genusse seines Bewustseins und seiner Lage. Der Schmerz giebt
Tugenden, aber auch Mängel — himlische Tugenden gegen Aehnliche,42,1
harte Mängel gegen Unähnliche und Kälte gegen die Pflichten des
Lebens, sobald sie von blosser Vernunft, nicht vom Enthusiasmus ge
boten werden.

— Ich habe überhaupt über die zunehmende Wundheit Ihres42,5
Innern, die alle glükliche Fügungen des Schiksals nie ausheilen
werden, und die die äussern Lagen sonst vermehrten, aber (jezt am
wenigsten) nicht erzeugten, lange nachgedacht, um Arzeneien zusammen
zusezen, für die ich einmal ein längeres Blat bestimmen werde, wenn
Sie es wollen und ich es wage. —42,10

— Aus diesem Raisonnement werden Sie nicht auf die tiefste Rüh
rung schliessen können, mit der meine zerrissene Seele alle edle Thränen
der Ihrigen in sich strömen lies. Sie spalten gewaltsam das fremde
Herz und giessen Ihr edles Blut hinein. So schön sah ich sonst nie
Ihre weiche Seele und alles, was die Schläge des Schiksals an ihr42,15
geöfnet haben. Nichts thut mir wehe, als daß Ihr Blat nur von 4, stat
von 6 Augen gesehen wird. Aber wenn Sie mir auch die Bitte um eine
weitere Mittheilung verweigern: so kan ich doch noch in einem andern
Namen als meinem die Antwort auf die lezten Wünsche Ihres Blattes
geben: das Schiksal hat sie alle erfüllet und es wird ewig bleiben, weil42,20
alle auf der Tugend ruhende Freundschaft — und nur diese — ewig ist.
Zerstöre dich nicht, beste Amöne, durch deine eignen Thränen, die wie
ich gewis weis, gestern dein ganzes Inneres, alle deine Nerven und
Ideen in einen einzigen, siedend um das Herz schwimmenden Strom
aufgelöset haben. Wenn ich mich wieder ändern wil: so schicke mir42,25
dieses Blat, und ich werde dich wieder kennen und alles vergeben. Ach
warum braucht es so wenig, um den andern zu quälen, und so viel,
um ihn zu beglücken? —

Immer und ewig und wieder von neuem

Ihr42,30
alter Freund
Richter


H: Kunst- u. Altertümersammlung der Veste Coburg. 4 S. kl. 4°. K (nachtr. nach Nr. 52): Amöne 27 Dec. 1794. J 1: Morgenblatt, 30. Juni 1829, Nr. 155 (1793). J 2: Otto 4,214 (1793). 41 , 26 so heftig] nachtr. H 42 , 3 von] aus aus H nicht vom] aus ohne H 7 sonst] nachtr. H 13 spalten] aus öfnen H 24 schwimmenden] aus schim mernden H
Vgl. Nr. 53.

Textgrundlage:

47. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 41-42 (Brieftext); 403 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Hof, 27. Dezember 1794. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_47 >


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