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276,8
Hof d. 29 Nov. 1796.

Mein unvergeslicher Emanuel!276,10
In diesen Minuten kommen mit den Schneeflocken meine Blumen-
stücke an und sie fliegen sogleich in Ihre Hand. Mögen sie nicht das
Schiksal ihrer Koätanen haben!

Das Schiksal führe mir noch so viele Freunde zu: es ist keiner dar
unter, dem ich meine von meinen Zweigen kommenden und fallenden276,15
Blätter (Früchte trägt der Mensch wenig) lieber gebe als Ihnen.
Und Sie würden, gesezt ich bekomme Sie einmal in duplo, doch den
Vorzug der Ancienneté behalten.

Ihre Briefe erhalt’ ich am liebsten, weil ich doch etwas daraus
lerne. Ich bin kein Freund von den gewöhnlichen Briefen, wo mir276,20
einer jede Woche dokumentiert, er hasse mich nicht.

Gegenwärtiges Papier drehen Sie zu einem Billet und schicken es
samt dem einen Exemplare der Blumenstücke und dem blauen Buch
an Elrodt.
d. 2 Dez. 1796.
276,25
Noch ist alles da. — Die rabbinische Geschichte der Thora ist der
feinste Umris ihres Zweks und ihrer Schranken. Geben Sie mir nur
in jedem Brief eine nachgedrukte halbe Seite Ihres Talmuds, zumal
über den Tod: — endlich brauch’ ich die ächte Ausgabe nicht.

Ich lieh vor einigen Jahren die Mumien der Renate, um sie Ihnen 276,30
zu schicken; da es mein leztes Exemplar und also das meinige für den
Gebrauch bei einer 2te Auflage ist und da ich mir immer eines borgen
mus, um zu sehen was mein 30 jähriges Ich anders dachte als das
33jährige: so bitt’ ich Sie, im Falle Sie es ganz gelesen, mir es zu
senden. Nehmen Sie mir aber diese Autorbitte nicht übel.276,35

Die Blätter der Blumenstüke sollen eine kleine Unterlage gegen 277,1
die Stacheln des Ziliziums sein, das wir alle tragen. Könte man nur
die Menschen froh machen, so wären sie auch gut: das Volk beglücken,
heisset es verbessern und alle Sünden desselben entstehen aus der
Armuth. Höher hinauf vollends macht der wachsende Kontrast —277,5
da die Verfeinerung zugleich die Empfindlichkeit und die Marter
instrumente, zugleich die bürgerlichen Abgründe und die idealischen
Höhen vergrössert — die Erde so verworren, daß die Tugend auf ihr
noch leichter zu finden ist als das Glük. Ich möchte also — und wil —
mit meinen litterarischen Eintagsfliegen den Menschen lauter Ruhe277,10
stätten zeigen noch vor der tiefsten — sie mit den Thoren versöhnen
auf Kosten der Thorheiten — ihnen in allen Ständen nicht nur Freu
den, sondern auch Tugenden (sogar ein Minister wäre zu beiden, wenn
er sich anstrengte, fähig) und in der Armuth nicht nur, sondern auch im
Reichthum diesen, und am Ende auf der Erde zwei Himmel zeigen, den277,15
jezigen und den künftigen. Meine Blumenst[üke] sollen den Frohsin in
der Armuth malen: meine Behauptungen kommen nach meinen
Erfahrungen und immer hat die Zeit, wo ich einmal am ärmsten war,
einen unaussprechlichen Reiz für mich. Die Alten suchten ihr Glük in
Grundsäzen, die Neuern in Empfindungen; aber da jene nur ein277,20
kleines geben, und diese nur ein unstätes: so hilft nur ihre Ver
einigung, die der Dauer mit der Grösse.

— Leben Sie wohl, mein Lieber, grüssen Sie Schäfer. Jezt ver-
geben Sie mir mein — künftiges Schweigen.

Richter
277,25

H: ehem. Kat. 508 Stargardt (Mai 1953), Nr. 202. 4 S. 8°; Anfang (bis 276,29) fehlt. K: Emanuel 29 Nov. J: Denkw. 1,59. B: IV. Abt., II, Nr. 156. Anfang bis 276,29 nach J. 276 , 32 ist] aus war H 277 , 1 Blätter der] nachtr. H 17 malen] aus zeigen H 19f. suchten ihr Glük in Grundsäzen] aus be glükten sich durch Grundsäze H 20 in] aus durch H
276 , 14–18 Emanuel hatte in B geschrieben: „Die Zahl Ihrer Freunde hat sich so vermehrt, daß Ellrodt und ich es nicht wohl mehr zugeben können, wenn Sie uns noch ferner mit Ihren Werken beschenken, die wir doch jedenfalls kaufen würden.“ 23 Das blaue Buch ist die blau eingebundene „Geschichte meiner Vorrede“; vgl. Nr. 473. 30f. Vgl. Nr. 36. 277,1–22 Wiederholung von Nr. 470. 23 Auch an Schäfer sandte Jean Paul gleichzeitig seine „opera novissima“, s. IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 163.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

(*) 472. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 276-277 (Brieftext); 487 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel und Carl August Matzdorff. Hof, 29. November 1796 bis 2. Dezember 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_472 >


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