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[ Hof, 17. Dez. 1796 ]
280,16
Ihr Körper und Ihre Sprache kan nur ein Schleier aber keine Larve
Ihres Herzens sein. Ihr Brief war ein Morgen, eine Jugend, ein
Frühling, eine gestirnte Sommernacht für mich. — Es ist ein ge
wöhnlicher Hang und Wahn des Jünglings und Menschen, sich und280,20
seinen Lebenslauf — seine Wünsche — seine Hölle und seinen Himmel
für einzig, für Naturspiel und Idiotismus des Schiksals zu halten. Es
ist aber nicht wahr: wir sind alle ähnlicher und verwandter als wir
meinen. Ich finde mich überal unter den Menschen wieder, nur mit
andern Biegungen der Form: ich finde überal opfernde, so lang ich280,25
Kinder und Eltern und Gatten sehe. Den Menschen fehlen selten
Herzen, nur Augen: im Tempel ihrer Brust steht der lodernde Altar,
aber der Gott fehlt ihm. Ach wie werden wir alle einmal erstaunen,
daß [?] wir uns nicht genug geliebt und geachtet haben. — Keine
Gegenwart — selber für den Atheisten — ist erträglich ohne eine 280,30
Zukunft (nur daß er sie diesseits der Bahre sucht). Aber diese [Un
genügsamkeit?] gilt nicht der Erde sondern der Endlichkeit und selbst im
2ten Leben werden wir nach aller Möglichkeit unsrer Natur nicht anders
seelig werden als durch die Perspektive einer 3ten. Meine Blätter sind
in Ihnen wie die der ind[ianischen] Feige wenn man sie säet, zu 281,1
Bäumen geworden. Dein Kummer und dein Himmel ist dein Werth
und dein Bürge. Jahr, das Infinitesimalth[eilgen] der Lebens Terze.
Es gehe deiner schönen Seele wohl, aber sie sei nicht blos schön, auch
froh, sie finde nicht blos den Aether, sie suche auch die Wolke und die281,5
Erde.

K: An M. d. 17 D.
Vgl. Nr. 492 u. 505†. Johann Friedrich von Meyer (1772—1849), der sog. „Bibel-Meyer“, später Bürgermeister seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., damals in Wetzlar juristisch und literarisch tätig, Mitarbeiter an Wielands Merkur, Verf. eines Romans „Kallias“ (1794), hatte nach Lesung der Unsichtbaren Loge durch Vermittlung seines Freundes Friedrich von Oertel im höchsten Enthusiasmus an Jean Paul geschrieben. Der nicht erhaltene Brief war wahrscheinlich nur mit M. unterzeichnet; Jean Paul wird aber von Oertel den Namen erfahren haben. Nach Jean Pauls Tode wandte sich Meyer in einem Brief vom 21. Januar 1826 (Berlin JP) an die Witwe mit der Bitte um Unterdrückung und Vernichtung jenes Briefes. 280,19ff. Vgl. I. Abt., V, 446,12ff.

Textgrundlage:

483. An Johann Friedrich von Meyer in Wetzlar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 280-281 (Brieftext); 488-489 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Friedrich von Meyer (Meier). Hof, 17. Dezember 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_483 >


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