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Hof. 23 Dec. 1796 .
283,5
Ich schreibe dir noch vor deiner Antwort auf meinen lezten Brief.
Meiers Lorbeerkranz kan mich doch nicht so erquicken als der Vergis
meinnicht- und Myrthenkranz deiner Liebe, die mir mit solcher Freude
jeden Ris zu einem Triumphbogen zuschikt. Du liebst mich viel zu sehr
und achtest mich viel zu sehr. In Meiers Brief find ich, so sehr mich 283,10
seine Empfänglichkeit und seine Lobrede und seine Erstarkung entzükte,
eine sonderbare Mischung von Kultur und schäumender Aufbrausung,
eine Mischung, die Jugend und Schmerzen zugleich voraussezt.
Meinen selber brausenden Hesperus aber mus er in längern Inter-
vallen lesen, weil sonst die zusammengedrängten Stralen zu stechenden283,15
Brenpunkten werden. —

In 14 Tagen wird Beigang den Jubelsenior erhalten, der ihn
gleichwohl, ob ich ihm gleich 12 Ld’or schenke, doch 50 kosten wird.
Dan fang ich die Revoluzion meines Hesperus an: weist du tadelnde
Rezensionen, oder entsinst du dich aus der deinigen etwas, was ihn283,20
bessern kan, so bitt’ ich dich sehr darum. Doch werd’ ich ihn mehr ver
grössern als verbessern, mehr Geschichts-Mörtel und Zwiksteine nach
mauern als Altes einreissen.

So oft ich deine Briefe an mich oder Amöne oder Stellen aus den
leztern lese: so kömt mein alter Wunsch zurük, daß du ein platonisches 283,25
Gespräch oder etwas ähnliches über die Liebe weniger machen als aus
deinen Briefen exzerpieren möchtest. Du hast, ausser der Lokazion und
Auffädelung nichts weiter daran zu machen, so schön ist das Kleid, und
so schön dessen Inhalt. — Schreibe mir die nouvelles du jour von
Göthe. — Lebe wohl! Und das neue Jahr gebe deiner Seele, die 283,30
ihren weichen Flügel zu oft an der harten Erde wundschlägt, Ruhe und
Hofnung und ein frohes wie im freien Aether schlagendes Herz!

Richter


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K Oertel 23 Dec. J: Denkw. 1,345×. 283 , 9 jeden bis zuschikt] gestr. K 31 weichen] nachtr. HK zu] so K 34 die Fußnote steht ohne Verweiszeichen am Rande der Seite H
283 , 17 f. Vgl. 249,32–37. 29f. Goethe war vom 29. Dez. 1796 bis 2. Jan. 1797 in Leipzig; vgl. 292,28f.

Textgrundlage:

492. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 283 (Brieftext); 490 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 23. Dezember 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_492 >


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