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Hof. d. 15 Jenn. 97.
288,32
Ja wohl, Lieber, hat mir die Nachricht deines nahen Herzens
festes Freude mitgebracht: überhaupt stehen am Bett[e]Himmel
Sternbilder, die besser als alle Dichterbilder leiten. Ohne in deinem289,1
Falle gewesen zu sein, errath’ ich, wirst du mir rathen, darein zu
kommen, um zu errathen. Wenn ichs machen könte, so heirathete ich —
aber der Teufel stelt sich immer vor das 2 te Subjekt dazu — anno 1800,
damit Ehe und Kind mit der Jahrszahl gienge. Ach ich werde zu289,5
glüklich gewesen sein, um es einstmals zu — werden. Unter allen
deinen Gratulanten kan keiner, mein guter Oertel, so fröhlich sein als
ich, weil keiner so gewis weis als ich, daß du jezt — glüklich wirst.
Dein Abbild deiner Frau hab’ ich dir einmal gemacht: nur eine solche
wie du gemalt und gewonnen, beglükt. Wie wil ich dir Glük wünschen, 289,10
wenn du es hast? Dem Wunsch deines Briefes, über oder an sie zu
schreiben, nim den Zweifel: sage mir alles recht genau — worüber, an
wen u. s. w. — was ich thun sol, mit doppelter Freude thu’ ichs,
denn die Freundin meines Freundes ist ja ganz auch meine.

Über Amöne gefället mir deine reine Mathesis, nicht deine an- 289,15
gewandte.
1) Ich habe von ihr so viel wie du, ihr Tagebuch etc.
gelesen. 2) Ich achte Thaten, nicht Worte 〈Gefühle〉: deine Di
stinkzion zwischen Scheinen und Sein rettete alle poetische Egoisten.
Freilich malet nur der weisse Genius, aber der kaffeebraune handelt
und durchstreicht oft. Der Bauris der Tugend ist in jedem Herzen289,20
und — Kiele; aber die Baukosten wollen etwas sagen. 3) Glaube
mir, in jeder Familie hatte allemal der Recht, der sie am längsten
gesehen hatte, nicht ich. —

Meine Toleranz gegen Reichardt und deine gegen Amöne heben also
einander auf und wir beide haben an einander nichts zu loben und zu289,25
tadeln als was wir wechselnd selber sind. —

Meltzer hat mir mit seinem Garrikschen Antagonismus zwischen
Lachen und Weinen eine ausserordentliche Freude geschikt und sie
durch seinen schlichten Brief vermehrt.

— Ich weis nicht, ob du dir nicht den kleinen Genus des Mspt289,30
Jubileums durch das Lesen vor dem Druk verdirbst. Ich habe meinem
lieben herzigen uneigennüzigen Beigang, zumal da das Buch leider
20 Drukbögen stark wurde, 5 daran geschenkt d. h. 130 rtl. hies. Geld.
Aber dafür fodere ich auch, daß er mir in der künftigen Woche sogleich
die 30 Ldor schikt.289,35

Lebe wohl, mein immer mehr Geliebter, ich wolte dir noch viel
sagen, z. B. daß ich Hof und meiner Lage nichts zu verdanken hätte als
Härte, daß ich hier die ersten 10 Jahre ganz allein und verachtet —290,1
nur meine Otto’s ausgenommen, wovon mich besonders Christ[ian]
vor 10 J[ahren] behandelt wie jezt — lebte, daß kein Mädgen mich
ansah, daß ich überal Has, zumal im Herold[ischen] Hause fand, daß
ich in Leipzig abends nie mehr zu essen hatte als für 6 Pfennige, daß 290,5
ich in Hof samt meiner Mutter nichts zu essen, immer zu fürchten hatte,
und daß wir (aber sei du die Gött in der Verschwiegenheit) vom
Verkaufe alter Papiere für die Höker zulezt lebten — daß ich doch troz
der kalten litterarischen Aufnahme meiner Satiren meinen Plan nicht
änderte — daß ich unter Geizhälsen, Kleinstädtern stand, aber mein290,10
Herz nie beugen lies — und daß ich doch, du gutes tröstendes Ge
schik, nie holdere elysischere Tage hatte (obwohl nur in meiner Brust
und unter dem blauen Himmel) als damals. Die Augen treten mir
über, welche vergebliche nie gekante Liebe damals in meinem jugend
lichen Herzen verglühte und erstarb. Lebe wohl, mein Oertel.290,15


H: Berlin JP. 8 S. 8°. K (nach Nr. 510): Oertel 15 Jenn. J: Denkw. 1,346× (der letzte Absatz gehört zu Nr. 577; der richtige Schluß ist fälschlich zu Nr. 421 gezogen). 288 , 34 Bettehimmel K 289 , 11 hast] davor schon K 20 Bauris] aus Umris H 26 wechselnd] nachtr. H 290 , 2 besonders] nachtr. H 8 zulezt] nachtr. H
Oertel hatte sich mit einem Leipziger Mädchen von einfacher, bürger licher Herkunft versprochen (318,16, 319,13, 330,6 heißt sie Friederike, da gegen Sophie 351,7, 361,14, 384,22). 289,24 Reichardt: vgl. zu Nr. 504. 290,30–34 Vgl. 266,30ff.

Textgrundlage:

509. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 288-290 (Brieftext); 493 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 15. Januar 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_509 >


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