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Hof. d. 9 ten März 97.
305,11
Liebe Renate,

Mir ist als schrieb’ ich aus Bayreuth an Sie: die schöne Feier Ihres
schönen Tages wirkt wie eine Entfernung auf mich und ich halte die
grössere Sehnsucht für grössere Trennung. Meine Wünsche für Sie,305,15
Theuerste, sind an diesem Tage keine andern als die ich an jedem Tage
Ihres schönen thätigen Lebens thue; und ich — thue also keine heut.

Ach im vorigen Jahre schlug jedes Herz, das Sie liebt, an diesem
Tage schwerer und dachte an den heutigen Geburtstag und an den zu
theuern Preis des mütterlichen Lebens, den so oft die Natur für das305,20
kindliche fodert. — Daher malt’ ich mir heute immer Ihre Paulline
vor — ich sah durch die 10 oder 12 Jahre hindurch, die die grüne
Knospe noch von der vollen grossen Rose scheiden — und sah Ihre
Tochter mit 12 Jahren, mit freudigen und unschuldigen Augen, und
mit den Reizen der Jugend und Liebe und mit unaussprechlich-süssen305,25
Thränen wieder an dem 9 ten März zur geliebten Mutter treten — ich
sah, wie sie reden wil und vor Wehmuth nur umarmen und weinen kan
— und mir war als hört’ ich die Dankbare, die es nie genug gegen die
Sorgen der guten Mutter sein kan, endlich an der Brust, die sie mit so
vielen Schmerzen genährt, mit so vieler Liebe gepflegt, vol Schmerzen305,30
und vol Freuden stammeln: „O du gute Mutter, lebe so lange, bis ich
„dich belohnen kan! — Und in dieses Auge, das sooft für mich gewacht,
„komme keine bittere Thräne, und diese Brust, der ich so viel Schmerzen
„gegeben, werde von keinen neuen gedrükt und immer wil ich zu dir
„sagen: o lebe, damit ich dich erfreuen kan!“305,35


— Und hab’ ich dir nun etwas schöners zu wünschen, Renate, als306,1
diesen Geburtstagswunsch deiner Tochter und daß du und sie und dein
Christoph in eine Einzige Umarmung freudetrunken an einander sinken!
— Und wo ich dan auch wäre, würd’ ich die schöne Stunde schweigend
feiern. —306,5

Richter


H: Berlin acc. ms. 1895. 78 (derzeit BJK). 4 S. 8°. J: Täglichsbeck S. 88. 305 , 13 aus] aus in 18 im] am 33 bittere] nachtr. 35 o lebe] davor gestr. liebe 306 , 3 an einander] davor gestr. zusammen
Zu Renatens Geburtstag (9. März). Vgl. Nr. 259 und 329†.

Textgrundlage:

552. An Renate Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 305-306 (Brieftext); 500 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Renate Otto. Hof, 9. März 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_552 >


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