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Eilig wegen der Menge der Briefe
[ Hof ] d. 21 März 97.
309,2
Lieber Ewiger,

Ich lege hier nicht, wie sonst, deine Blätgen vor mich zur Antwort,
blos weil sie in meine heute zu oft durchdrungne Seele zu tief dringen.309,5
Ich habe vor einigen Stunden dem mit Schnee verhülten Staub, den
du durch schöpferischen Athem wieder zu einem schwebenden Gebilde
erwärmtest und erhobest, zu viel gegeben.

Ich habe dir dreierlei zu sagen.

1. Diese Nummer am wenigsten, nämlich meine ästhetische Achtung309,10
für dein Blätter-Kleeblat. Es ist gewis nicht die blosse Neuheit sondern
der dauernde Fortgang der Grund, daß mir unter allen deinen Sachen
keine mehr gefallen als die — allerlezten. Ach du hast besonders vom
guten Bergamo noch einmal das Leichentuch weggezogen und auf seine
verfalne Gestalt die Thräne eines ganz Fremden zu fallen gezwungen.309,15
Ach es ist ausserordentlich schön.

2) Aber ich mus jezt schreiben als schrieb’ ich aus Weimar. — Ich
kan (oder konte) von jeher vieles wagen; über mich fliegen (flogen)
Wunden und Freuden leichter weg. Aber du bist zu diesem Leicht- und
Flugsin nicht organisiert. Und darum wird das in dir, was ich so ver309,20
ehre, am Ende ein Schmerz in mir, daß du aus dem Grabe eine Alpe
machst, die ihren Schatten zu weit wirft. Sobald man das erlaubt, —
und sei man noch so gleichgültig — so erstarret man im giftigen Nacht
schatten. Ich mein’ es psychologisch. Ich seh’ es an dem Liebessehnen
der Mädgen, und an dem Heimweh der Schweizer, daß gewisse auf- 309,25
lösende süsse sehnsüchtige Gefühle am Ende eine verkleidete Aqua tof
fana
für die Nerven sind. O mein Guter, schone dich anders und mehr!

Schon darum solte man sich nicht bis aufs Innerste abschäälen, weil
über jeden von uns der vielschneidige Hammer des Schiksals aufge
hoben schwebt, der am Ende doch auf die Brust niederfället.309,30

3. Und weiter hab ich dir nichts zu sagen als meinen herzlichsten Dank
für deine unersezliche Gabe und meine heutige Freude, die beinahe
lauter Unterbrechungen — kolorierten — und meine lezte, die nichts
unterbricht, daß ich bald nach diesem Blätgen zu meinem guten Christian
komme.309,35

Richter


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K (nachtr. im Okt. nach Nr. 555): Otto 21 März. B: IV. Abt., II, Nr. 184. 309 , 5 in] nachtr. H tief] davor gestr. sehr 8 zu viel ge geben] nachtr. H 11 deine H 14 das Leichentuch] den Leichenzug verb. in Leichenschleier K 18 von jeher] nachtr. H 21 aus bis 22 wirft] mit Blei gestr. K (vgl. I. Abt., VII, 318,26f.)
Otto hatte in B den am 23. Juli 1796 erfolgten Tod des im Ottoischen Hause wohnenden Italieners Bergamo mit lyrisch-elegischen Farben gemalt. (Nach dem Sterberegister von Hof wurde Karl Bergano (so!), gewesener Galanteriehändler, 46 Jahre alt, am 25. Juli 1796 beerdigt.

Textgrundlage:

561. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 309 (Brieftext); 501 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 21. März 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_561 >


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