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[ Hof ] d. 31. März und 1. Ap. 97.
314,26
Anlangend deine vorigen Blätter so hab ich dir ausser dem Danke,
und der Erinnerung an ihre Zurükkehr, blos das zu sagen: daß sie Recht
haben. Ich meine, in der Bemerkung der Wirkung, nicht des Grundes.
Ich habe dir schon einmal geschrieben, daß ich mehr die Wahl als die314,30
Behandlung des Gegenstandes zu vertheidigen hätte. Dein Urtheil be
weiset mich. Das Ganze ist ein flüchtiger Spas, ein Vehikel von Ein
fällen, keine Biographie. In das öde katechetische Bilderkabinet ist
keine biographische Succession zu bringen; ausser wenn man, wie du
räthst, die 10 Bilder blos so unzusammenhängend gebraucht wie die315,1
Romanciers die chodowieckischen. Aber der Mensch verabscheuet sogar
in Kleinigkeiten Wilkühr und hält auf den Saz des zureichenden
Grundes: er erträgt keine Geschichte, die die 10 Dekalogus-Bilder nur
nach Belieben nach grössern oder kleinern Zwischenräumen aufstelt und315,5
braucht. Ich hätte eine längere und leichtere Geschichte erfinden können,
worin die Holzschnitte nur nach meinem Belieben aufgetreten wären:
aber das leidet der Mensch nicht, er wil nothwendige Folge. Daher
durfte in dieser Bettelhistorie keine Szene liegen, die nicht von den Holz
schnitten angefangen oder vorbereitet oder volendet wurde. Auch hätten315,10
mir im andern Falle die grösten Kritiker Deutschlands die Frage vor-
gelegt: woher ich die Sache hätte. Denn nach Home’s Grundsäzen der
Kritik darf auf dem Weimarschen Blatte nichts gelehret werden was
nicht auf den Katechismus-Blättern zu errathen ist. Der Revisor konte
keine confessions in Holz schnizen, die nicht, im Nothfal eine schrift- 315,15
liche entbehren konten.

Das ist also der Grund zu deiner wahren Bemerkung, nicht aber
deine Vermuthung des geniessenden Gefallens an der Arbeit. Ich
mache alles schlechter, oder schlecht, was ich nicht mit Liebe oder viel
mehr Hofnung mache. Meine persönliche Stimmung hat längst ihren315,20
Einflus auf mein Schreiben verloren. — Du sagtest, es sei nicht Licht
in diesem italienischen Theater: das wäre ein fataler Fehler, den ein
Autor selten erräth. —

Gegenwärtige Lieferung hättest du gleich mit der vorigen lesen
sollen, weil man sonst die Foderung stat an das Ganze, an die Glieder315,25
macht. Das lezte Kapitel mag noch hingehen. — Die Vorrede be
kömst du Morgen. — Ich sehne mich nach Arbeiten, worin mir meine
bisherigen Erfahrungen seit einem Jahre, helfen können. — Ich werd’
es dem Buchhändler ungemein schnel übermachen. — Gieb dir nicht
viele Mühe mit diesem Mockierspiele. Ich hätte auch deine bisherige315,30
gar nicht gelitten, wenn meine Sachen nicht der Anlas (nicht blos der
Gegenstand) zu deinen Gedanken gewesen wären, die du immer rekla
mieren kanst und die der Mensch leichter bei einer Gelegenheit als ohne
eine entwickelt. Daher bat ich immer den Wernlein, doch etwas zu be-
haupten, was ich läugnete.315,35

R.


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K (nachtr. im Okt. nach Nr. 561) ohne Über schrift. J: Otto 2,49. B: IV. Abt., II, Nr. 180. 315 , 2 Aber] nachtr. H sogar] nachtr. H 3 hält auf] aus wil H 15 keine] aus seine H in] ins K 26 noch] nachtr. H 27 worin] aus wo H 28 bisherigen] nachtr. H 30 auch] nachtr. H 34 bat] aus schrieb H
Otto hatte in B gemeint, der der „Erklärung der Holzschnitte“ zu grunde liegende Einfall trage die Gefahr in sich, daß der Verfasser über seinem subjektiven Genuß die Schwierigkeiten der objektiven Darstellung außer acht lasse; die Geschichte würde mehr Einheit erhalten, wenn zwischen die Erklärung der einzelnen Blätter andere, vermittelnde (und nur beschriebene) Szenen eingeschoben würden. 314,30f. Vgl. Nr. 548. 315,12f. Home’s Grundsätze der Kritik: vgl. Bd. I, Nr. 351, 315,16†. 34f. Wernlein: vgl. 19,26–28, 62,22f.

Textgrundlage:

575. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 314-315 (Brieftext); 503 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 31. März bis 1. April 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_575 >


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