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[ Hof, 4. April 1797 ]
318,25
Tage- oder Minutenbuch alles dessen, was bei meiner Ankunft in
Belgershayn am künftigen July vorfiel.

Sie wissen, daß ich Nachmittags am künftigen von Leipzig ab-
gieng. Mein Weg lief durch einen 3 Stunden langen Baumgarten: ich
wünschte Ihnen unterwegs alles Schöne, bei dem ich vorbei gieng, und318,30
freute mich über den ebenen belaubten Weg, der die liebende Tochter
nur durch Schönheiten vom elterlichen Busen trent. Und in der sanften
blühenden Natur stelt’ ich immer das schöne Gemälde auf, das mir Ihr
und mein Freund von dem stillen weichen geduldigen liebenden Herzen
seiner besten und ewigen Freundin entworfen hatte. Ich sah erst318,35
B[elgershayn] als schon die herabgezogne Sonne wie eine reife goldne 319,1
Frucht in den Gipfeln hieng: Sie erinnern sich noch meiner Ent
schuldigung der späten Ankunft. Da ich den im Abendschimmer glim
menden Fenstern näher kam, schlug mein Herz vor Hofnung und Sehn
sucht 2 Glükliche zu sehen verdoppelt. Ich sah Sie noch nicht, aber ich319,5
hörte eine weibliche Stimme im Garten singen. Die Erde wurde stiller
und kühler — die Sonne wiegte sich glänzend-aufgelöset tief an der
Erde in Zweigen — der Gottesacker schimmerte vor ihr als läge auf
ihm das Morgenroth der Auferstehung — Endlich sah ich meinen
Oertel mit der Hand in Ihrer Hand, mit dem Auge vol Thränen und 319,10
Freuden gegen die sterbende Sonne gekehrt und ich sah, daß er glüklich
war, und ich las in seinen Augen das Glük der himlischen Liebe, das Sie
besangen, und daß Sie das Versprechen Ihres Namens Fried[erike],
der der Seele Frieden verheisset, gehalten, wie er das des seinigen.
Und da ich ungesehen Sie erblikt, war meine ganze Seele eine frohe319,15
Rührung: nur diese schöne Seele, die immer liebt, die vom Schiksal
und von Menschen nichts fodert als fremdes Glük, den eignen Kummer
verbirgt und fremden erforscht, die so vol Geduld und vol Zuversicht
und Seelenstille ist und die Erde für die erste Stufe einer höhern Welt
und das Grab für die 2 te ansieht, nur eine solche Seele verdient mein319,20
Freund und sein edles Herz vol unendlicher Liebe und seine Tugenden
und alles, womit ein Mensch beglükt. Was könt’ ich noch dazusezen,
unsichtbare Freundin, als den Wunsch: so bleib’ es ewig!

K (nach Nr. 579): Oertels Braut. i: Wahrheit 5,209 (undatiert). 318 , 28 Leibz. 35 besten] davor gestr. erst[en] 319 , 22 kont
Zur Einkleidung vgl. Bd. I, Nr. 326 und 391. 319,1f. Vgl. I. Abt., VII, 480,5f.

Textgrundlage:

578. An Friedrich von Oertels Braut. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 318-319 (Brieftext); 504 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friederike Sophie von Oertel. Hof, 4. April 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_578 >


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