Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



[ Hof, 4. April 1797 ]
319,25
Ich hätte leichter alles errathen als mich — Wie todtenbleich sind
Briefe gegen die lebend[ige] Gegenwart. Der mit Dinte gemalte
Wiederschein des innern Feuers hat nicht die Wärme, nur die Farbe
des Feuers. Auf welchen Grund und mit welcher Farbengebung könt’
ich das Altarblat malen, das die glühende Begeisterung unsrer ersten319,30
Zusammenkunft trüge? Würden nicht auf der kalten Leinwand alle
Flammen zu dunkeln Kohlen erkalten? — Herders Geist ist ein
lebend[iges] Sternensystem, seine Wege sind Milchstrassen und sein
Herz eine warme Sonne: wie könte ein solcher Geist den Tempel der
Schöpfung in eine Begräbniskap[elle] des Geistes und den erhabnen319,35
Isisschleier der Geisterwelt in einen Leichenschleier verwandeln? Der 320,1
Materialismus ist das Blutgerüst der Geisterwelt: er könte eher alle
Irthümer haben als den tödtlichsten. — Bis auf jenen Zeitpunkt
halten nur meine Phant[asien], nicht meine Augen [Ihr Bild?] vor
mein bewegtes Herz. Ich kan nicht den Muth haben, Sie um das320,5
Geschenk zu bitten — nicht den, es zu hoffen — kaum den, dafür zu
danken; aber doch den, meine Entzückung zu weissagen. Wie schön
wird die Stunde sein, wo ich Ihnen mit vollem Auge und Herzen sage:
ich habe unsre lezte nie vergessen. — Ich fass’ [?] es nicht, wie sie
mehr Himmel als Wolken, mehr Blumen als Boden in diesem engen320,10
Leben sieht und findet. Nur Arbeit verhült die Oede des Daseins.
Begeisternde Seele.

K (nach Nr. 577): Krudner [!] 4 Ap. i: Denkw. 3,21. B: IV. Abt., II, Nr. 152, 162, 176. i hat starke Ergänzungen, die aber wohl nur von Förster her- rühren; 320,4 ergänzt i die Wunder der Alpenwelt und erst im folgende Satz Geschenk Ihres Bildnisses.
Der Anfang bezieht sich auf Jean Pauls langes Schweigen. Frau v. Krüdener hatte im Brief aus Lausanne an J. P. (IV. Abt., II, Nr. 162) um die angeblich von ihm ihr versprochene Schilderung ihres ersten Zusammentreffens und um ein von seiner Hand (Feder) entworfenes Bild ihrer Züge und ihres Herzens gebeten. 319,32ff. Sie hatte geschrieben, man habe ihr gesagt, Herder sei Materialist geworden. 320,6 Geschenk: ihres Bildes, vgl. zu Nr. 437. 9 sie: nach i die Seele der Krüdener. — Es ist nicht sicher, ob der Brief angekommen ist; in ihrem wohl im Mai geschriebenen Brief an J. P. IV. Abt., II, Nr. 198 heißt es: „Henriette [v. Schuckmann] hat mir geschrieben, Sie hätten ihr gesagt, Sie hätten mir einen Brief geschickt, und ich habe nichts erhalten.“

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

579. An Julie von Krüdener in Lausanne. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 319-320 (Brieftext); 504-505 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Barbara Juliane Freifrau von Krüdener. Hof, 4. April 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_579 >


Zum XML/TEI-file des Briefes