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325,15
Bayreuth d. 29 Apr. 〈Sonabends〉 97.

Mein guter Otto,

Ich wolte, du sässest auf meinem Armstuhl [und] Kopfkissen, in
diesem himmelblauen Stübgen — ich ziele [ni]cht auf das blaue
Kabinet der Hernhuter — und hinter einem langen Kanapée, das 325,20
dem Herold[ischen] Hause zu wünschen wäre, damit man sich in
geraden Zahlen sezen könte. Ich kan dir nicht beschreiben (sondern
künftig erzählen) wie mich Emanuel mit einem bis ins Kleinste und
Gröste gehenden Ammeublement überraschte, sogar von Büchern und
von einem Reiseklavier. Das ist das erstemal, daß ich lieber bei einem325,25
Freunde hause als in einem Wirthshause.

Was mir hier am meisten mit gefället und mich einnimt, das bin —
ich selber, weil ich mich in einen der besten und geschmakvolsten
Somme[rröcke] (halbseiden ist er) begeben habe: auch die Hosen sind
nicht zu verachten. Ich sorge, der alte Man kopiert mich, wenn er 325,30
den Glanz erblikt. —

Das Ausziehen in Hof nöthigt mir zum Glücke das Ausziehen aus
dieser Stube ab: sonst blieb’ ich sicher zu lange. Aus der Spiegelschen
Bibliothek lies mir die Inhaberin gleichgültige Werke zukommen, die
um mich stehen und liegen, z. B. Lavaters 4 physiognomische Quart- 325,35
bände, eine Gallerie vom „deutschen Museum“, deutschen Merkur 326,1
etc. etc. etc. etc. etc. etc. etc. etc. Daher mag ich aus der Sennen- und Thabors
Hütte meines hohen Stübgens Vormittags gar nicht hinaus. Für dich,
lieber Otto, wär’ es ein Karlsbad und eine geistige Molkenkur — der
Himmel gebe, daß du sie brauchst —, einmal in der fruchtbarsten326,5
Jahrszeit herauszureisen und
Montags den 2 [vielmehr 1] Mai.

— hier in dieser niedlichen Einfassung einen schönen Wechsel zwischen
Büchern und Menschen zu verleben. — Dieser Periode dauerte lang
in Rüksicht der Zeit. Meine vielen neuen Bekantschaften und Visitten326,10
schreib ich dir nicht, da Emanuel das Protokol darüber an Renate
übermacht. Ich wil blos ein Moser sein und historische Aphorismen
versenden.

Völderndorf erzählte mir, daß man die Staatsdiener für die organi-
sierten Stellen nicht nach Wilkühr ausgewürfelt habe, sondern blos326,15
nach dem — Adreskalender; daraus erklärt sichs auch, warum man
gute Stellen oft mit den verdienstvolsten Personen besezte, welche vor
der Vokazion — gestorben waren. Diese Versezung von eingesargten
schon versezten Staatsdienern ist kein Spas von mir sondern ein
Ernst von andern.326,20

Garvinus, Girtanner, Ammon waren 1 Tag vor mir fort. Gir-
tanner ist ein sanfter ofner und gerade so in die Menschheit verliebter
Schweizer als Ammon in den Ammon.

Auf Leipzig geh’ ich jezt nicht: ich mus wieder zu mir und zu meinen
Arbeiten kommen. Bücher nehmen hier meinen Besuchen viele, und326,25
meinen Briefen alle Zeit, diesen ausgenommen; und selber der 2 ten
Auflage des Hesperus. Für die verstorbne Mutter Elrodts hab ich
ein kleines prosaisches Epitaphium (d. h. ein Trauergedicht) machen
müssen: sie verdiente jedes und war (nach Emanuel und nach ihren
7 lezten Worten) früher unter den Volendeten als jezt. Sie lit ein ½326,30
Jahr ohne Speise und ohne Erhohlung von Qual an Windgeschwulst,
Miserere, Kolik und einer volständigen pathologischen Hölle.

Mein Brief ist leer und mein Gedächtnis vol. Die Sache ist aber,
wenn ein Abreisender an seinen freundlichen Relikten schreiben sol, so
macht dieser nicht sowohl aus dem Inhalt als aus der Existenz des326,35
Briefes etwas.

Ich war bei Oertel und der Walzin. Diese sähe gut aus ohne die 327,1
unförmliche Insignie der nahen Niederkunft. Zum Glük war der
Professor, den ich sprechen wolte, nicht da — blos ihre schlanke
Mutter, die ich für ihre Schwester hielt, und eine Frau von Schöpflin
(Jezt hab ich die Feder 40mal geschnitten und abgewischt, an der327,5
obern Rokklappe, welches man, wie ich erst heute finde, am besten
Rokke wegen der Unsichtbarkeit ohne den geringsten Schaden thut) —
als Oertel kam, der jezt dürrer und geistiger aussieht, marschiert ich
nach wenigen Minuten ab, die mit Spas gefüllet werden musten.

Girtanner nimt jährlich blos durch schriftliche Konsultazionen die 327,10
venerische Seuche betreffend 3000 rtl. ein — so sehr verachtet unser
kahlköpfiges Jahrhundert alle Unkeuschheit, daß es sogar den Schein
derselben, die Krankheit flieht.

Wir haben auf gegenseitige Briefe gepasset — und ich verliere
wahrscheinlich dabei.327,15

Jezt erst kan ich sehen, daß mich die Bayreuther, wenigstens die
von’s, gelesen.

Voelderndorf fragte recht angelegen nach dir und Albrecht und
eueren Arbeiten: theile mir doch eine geheime Instrukzion mit, wie
ich dein Laboratorium andern abzeichnen sol.327,20

Ich begehre hier nicht mehr schöne Tage als nur 2, um mich ins
apokryphische krystallene Meer von Fantaisie einzutauchen und ein-
mal durch die bunten Korallenbänke der Eremitage zu streichen — die
andern Tage brächte ich doch unter Deckengemälden und Decken zu.

Der bezweifelte Friede ist ratifiziert: ein Brief eines französischen 327,25
Gesandten an den hiesigen General assekuriert ihn.

Ich komme stets einige Stunden später als mein Koffer — also
alzeit nach der fahrenden Post und Landkutsche — mithin entweder
künftigen Montag oder Dienstag. Ich bitte dich, mir in jedem Falle
einen Brief zu schicken: gesezt ich begegnete dem Briefe schon unter327,30
Weges. Es mus sein.
Dienstags [2. Mai] .

Heute sol der Brief einmal fort, gesezt auch ich bekäme heute einen
von dir.

Ich fahre wie ein magister legens im folgenden Paragraphen fort. 328,1

Löw hält, wenn mit ihm Emanuel spricht, sein Ohr nahe ans
Hörrohr, weil er weis, daß Emanuel nicht gut hören kan.

Gleim schrieb dringend an Lübek um die 2 Theile des — Titans,
bestimte den Ort des Gelderhebens u. s. w. Hat Lübek noch ein Exemplar328,5
übrig, so bitt’ ich mir es aus, um das Mspt darnach zu machen.

Ich habe noch an keine meiner 4 Evangelistinnen geschrieben: be-
kömt aber ihr Heiland heute ein Scriptum von einer, so sol es an
guten Antworten nicht fehlen. — Einen recht freundlichen Grus an
deine gute Friederike und an Albrecht. Schicke das meiner Mutter. 328,10
— Ich bin dasmal hier unerwartet froher als je. Gott gebe, daß du
einmal dir und Emanuel die Freude machst, daß du in diese schöne
kleine blaugemalte Sakristei am grossen Tempel der Bayreuth[er]
Natur eintritst. — So oft ich ein frisches Hemd aus dem Koffer hebe,
fühl’ ich, daß ich ein Heimweh nach meiner Mutter habe als wäre ich 328,15
niemals rasiert und niemals gereiset. Lebe wohl, lebe wohl, mein
Geliebtester und ich möchte dich herzlich gerne sehen.

Richter


H: Berlin JP. 10 S. 8° (das erste Blatt defekt). K (nachtr. im Okt. nach Nr. 575): Bayreuth 29 Ap. J 1: Otto 2,52× (ein Stück S. 88 als besonderer Brief mit dem Datum: Aug. 1797). J 2: Wahrheit 5,212×. A: IV. Abt., II, Nr. 194. 325 , 35 physiognomische] nachtr. H 326 , 2 Sennen-] davor gestr. Alpe H 12 ein] nachtr. H 15 blos] nachtr. H 19 von mir] nachtr. H 21 Garvinus] aus Gavinus H 30 jezt] vor dem Tode K 35 macht] aus sieht H 327 , 3 schlanke] nachtr. H 6 obern] nachtr. H 7 den gering sten] nachtr. H 8 jezt] nachtr. H 11 verachtet] aus achtet H 12 Un keuschheit] aus Keuschheit H 13 Krankheit] aus Krankheiten H 27 stets] nachtr. H 328 , 2 mit] davor gestr. er
325 , 30 der alte Mann: Herold; J 2 macht dazu die Fußnote: „Der alte Herold hatte sich früher schon ein Bild von Richter, wie er ging und stand, vom Töpfer formen lassen und benutzte dasselbe als Ofenaufsatz in seiner Familienstube.“ 34 gleichgültige: ironisch. 326,12 Moser: vgl. Bd. I, zu Nr. 310. 21 Garvinus: vielleicht Hardenbergs Sekretär Gervinus (vgl. 328,23); Christoph Girtanner aus St. Gallen (1760—1800), Arzt und Politiker in Göttingen; Christoph Friedrich Ammon aus Bay reuth (1766—1849), damals Professor der Theologie in Göttingen, später Oberhofprediger in Dresden. 27 Ellrodts Mutter war am 27. April 1797 gestorben; das Trauergedicht (in Prosa) erschien u. d. T. „Der Traum und die Wahrheit“ als Gelegenheitsdruck (Bibliogr. Nr. 43). 327,1 Christian Theodor Oertel, der ehemalige Kollege Wernleins in Neustadt a. d. Aisch (s. Bd. I, zu Nr. 435), war im April 1796 als Professor der Philosophie und Mathematik nach Bayreuth versetzt worden und hatte sich am 1. Aug. 1796 mit Christiane Walz verheiratet; Wernlein hatte Anfang 1797 an Jean Paul geschrieben (Nr. 162): „Wenn du wieder nach Baireuth kömmst, so gehe ums Himmels willen zum Prof. Oertel hin, sonst bin ich in Neustadt meines Lebens nicht mehr sicher. Seine Frau hat’s den Oertelischen und ihren Schwestern geschrieben, daß du 14 Tage in B. gewesen und nicht zu ihm gekommen seist.“ 4 Frau von Schöpflin: wohl eine Verwandte der Frau Walz, die eine geb. Schöpfel war. 5–7 Vgl. I. Abt., X, 461,26f. (Vult) und Persönl. 384,25f. 18–20 Vgl. A: „Was ich dir wegen V. sagen soll, und was für ein Laboratorium du meinst, weiß ich nicht. Wenn es das juristische ist, so darfst du ihm nichts davon sagen ...“ 35 Fürstin: Lichnowsky, vgl. zu Nr. 105. 328,2 Vielleicht der Konsistorialrat Wilh. Chr. Löw in Bayreuth (Adreßbuch 1796, S. 402). 74 Evangelistinnen: Amöne und Karoline Herold, Renate und Friederike Otto. 10 das: Nr. 603.

Textgrundlage:

602. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 325-328 (Brieftext); 508-509 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Bayreuth, 29. April 1797 bis 2. Mai 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_602 >


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