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Hof. d. 9. Febr. 1795.
50,23
Mein lieber Emanuel,

Man solte einem Autor für nichts mehr danken als für Briefe, so50,25
wie für nichts weniger als für Bücher: denn da ihn diese ausschöpfen
und da sie ohnehin nichts sind als Briefe in dickerem Format, so mag
er keine von kleinerem liefern. Der Mensch geniesset sein Ich nur,
indem ers verdoppelt, — so wie er seinen Körper erst in der Verdoppe
lung durch den Spiegel überkömt; und eben dieser Zwang, unsere50,30
Seele vor einer fremden abzubilden und unsere innere Quellen gerade
durch einen Abflus zu — vermehren, nöthigt die Mädgen zum Brief-,
die Autores zum Bücherschreiben, die andern zum Reden und einige
zum Thun.

Wenige zu Tagbüchern. — Ihres ist nach meinem Gefühl ein51,1
schönes sanftes Echo dessen, was sonst in der Seele zu leise ist, um
herauszutönen. Es giebt eigentlich nur stumme Tugenden, nicht
stumme Sünden — das Edlere in uns, die heiligsten Gefühle fliehen am
ersten das Licht und das Auge und hüllen sich, für ein ganz anderes51,5
Leben blühend, gern verborgen ans Herz — aber eben das Schlimmere
wird von der geistigen Natur wie böse Säfte auf die äussere Haut
herausgetrieben, um nur desselben los zu werden: ein Bösewicht ist
sicher froh, wenn die Übelthat vorüber ist, weil er dan seine Seele
nicht länger mit dem Entschlusse dazu zu beschmuzen braucht.51,10

Nur gute Menschen können Tagebücher machen, Lebensprotokolle,
gleichsam Hauptbücher unserer moralischen Bilanzen. Wäre das nicht,
so würd’ ich mich wundern, daß so wenige Menschen Annalen ihrer
kleinen entflatternden Tage machen. Warlich wir Menschen sind
überal Narren und saugen uns wie Schmarozerpflanzen mit unserem51,15
Ich nur immer an auf fremden Ich’s: denn die römische — die
brandenburgische — die sinesische — die hottentottische Geschichte
drücken wir mit allen ihren leeren Fürsten in die Seele ein; aber unsere
eigne werfen wir als eine ausgekernte Hülse weg von uns: wir selber,
unsere lebendigen Tage sind uns weniger als öde kahle Zahlen und51,20
Sagen vor der Sündfluth, da doch unser Leben, weil die Gegenwart
nur aus hüpfenden Sekunden, die Vergangenheit aber aus Jahren
besteht, nichts ist als ein fortwährendes Erinnern des Lebens. Die
ganze Geschichte ist, insofern sie ein Gewächs des Gedächtnisses ist,
nichts als eine saft- und kraftlose Distel für pedantische Stieglizen;51,25
aber in sofern ist sie wie die Natur alles werth, inwiefern wir aus ihr,
wie aus dieser, den unendlichen Geist errathen und ablesen, der mit der
Natur und der Geschichte wie mit Buchstaben an uns — schreibt. Wer
einen Gott in der physischen Welt findet, findet auch einen in der
moralischen, welches die Geschichte ist: die Natur dringet unserem51,30
Herzen einen Schöpfer, die Geschichte eine Vorsehung auf. Aber,
(zurükzukommen,) wenn wir götliche Fusstapfen im grossen langen
Gange der Weltgeschichte aufsuchen: warum wollen wir sie nicht noch
lieber in den kleinern Tritten unsers Lebens studieren und Tagebücher
machen? Denn wenn einmal irgend eine Hand den Zügel und das51,35
Laufband der ganzen Welt regiert: so mus sie auch, da die Welt ja
aus nichts als Individuen besteht, eben das Individuum versorgen,
um das Ganze zu versorgen. Es ist unsinnig, zu denken, daß die grossen52,1
Räder im Universum gehen werden, wenn der Schöpfer nur die Räder,
und nicht auch die kleinsten Zähne daran machte. Wenn er nicht
Kleinigkeiten besorgt: so besorgt er gar nichts; weil die Grösse nichts
ist als eine grössere Anzahl Kleinigkeiten ...52,5

— Ich bitte nicht um Nachsicht für diesen Irsteig: in einem Briefe
und in einer Visitte ist man an keine Paragraphenkette gebunden. Al
gemeine Wahrheiten müssen bei uns beiden die Stadtneuigkeiten sein;
und wenn man diese ohne Ordnung sagen darf, warum nicht jene?

Was mir in Ihrem Tagebuch ausser dem philosophierenden Geiste52,10
darin so wol that, ist Ihre Toleranz mit allen Menschen, mit ihren
Schwächen, mit fremden Schlägen, mit eignen Schmerzen.

In Ihrem schönen Briefe veranlasset mich eine einzige Anmerkung
zu einer entgegengesezten — diese, daß volkommen geborne Wesen
schlechter sind als volkommen werdende d. h. sich bessernde. Ich52,15
glaube das Gegentheil. Gott selber ist, aber wird nicht heilig oder
volkommen. Zweitens besteht die moralische Kraft so wenig in Be
siegung
der unmoralischen, als die Gesundheit in der Bekämpfung
der Krankheitsmaterie: sondern wie die Gesundheit am grösten ist ohne
Anlas zum Bekämpfen, so ist Tugend ohne Anlas zu Siegen — d. h.52,20
ohne Angriffe des Lasters, d. h. ohne anfallende kleine Laster — am
grösten. Je besser der Mensch wird, desto weniger hat er in sich zu
bekämpfen, und der Neubekehrte hat gerade grössere Kriege, aber
doch sicher nicht grössere Verdienste als der Tugend-Greis. Noch
mehr: wenn angeborne moralische Kraft weniger Werth haben sol:52,25
so frag’ ich, mit welcher andern als einer angebornen wird denn der
Schwache über seine Versuchungen Herr? — Das Verdienst, sich
selber gar auszuschaffen, hat zwar der Schwache, aber der Engel
hat es noch mehr: nur fängt dieser sein freiwilliges Steigen auf einer
höhern Stufe, aber auch mit grössern Flügeln, an. Endlich wenn52,30
angeborne Tugendtriebe kein Lob verdienen: so verdienen auch an
geborne Lastertriebe keinen Tadel; und folglich wäre des Engels
Gehorsam gegen jene und des Menschen Sieg über diese gleich
unverdienstlich.

Der ganze Streit entspint sich aus dem grossen Räthsel, von dem52,35
selber Kant die Schreibfinger abzieht: „was macht, daß der Mensch
gut wird, da man, um sein Wollen bessern zu wollen, ja schon eben
dieses gute Wollen haben müste und es also unnöthig wäre, es erst53,1
hervorzubringen?“ —

Der März, dieser Werbe-Monat des Todes, der die Menschen
gewöhnlich in den transszendenten Himmel trägt, wird mich hoff’ ich
in den irdischen führen — nach Bayreuth. Wir wollen jede Viertel- 53,5
stunde Bogen von Briefen dan aneinander — schreiben, d. h. reden.
Ihr lustiger Brief war einer spashaftern Antwort, und Ihr langer
einer längern werth. Aber Sie vergeben mir beides, denn das Schiksal
hat Sie längst an das Vergeben angewöhnt.

Leben Sie recht wol und schreiben Sie mehr als ich, und, was ich53,10
am meisten bitte, früher als ich: gute Nacht, guten Morgen, guten
Tag, guten Abend, Lieber!

Ihr
Freund
Richter
53,15

H: Bibl. Gotha. 8 S. 4°. K (nach Nr. 60, von fremder Hand, nur die letzten Worte eigenhändig): Emanuel Bayreut 9 Feb. 95. J 1: Morgen blatt, 2. Juli 1828, Nr. 158. J 2: Nachlaß 5,230. J 3: Denkw. 1,8. B: IV. Abt., II, Nr. 21. Vermerk Emanuels auf H: d. 18. Mart. beantw. (nicht er halten) 51 , 5 eine H ganz] zur Hälfte gestr., aber doch wohl gültig H 7f. wird von der geistigen Natur ... herausgetrieben] aus treibt die geistige Natur ... H 9 vorüber] davor gestr. aus H 16 nur immer an auf fremden Ich’s] aus mehr nur auf fremden Ich’s an H 27 unendlichen] aus grossen H 52 , 3 machte] aus gemacht H 4 Grösse] davor gestr. Masse H 11 Ihre] ihre H 23 grössere] aus die grösten H 31 kein] davor gestr. ohne Gehalt sind: H 37 sein Wollen] aus seinen Willen H 53 , 1 müste] aus mus H 4 gewöhnlich] nachtr. H
50 , 27 Bücher sind Briefe: vgl. I. Abt., V, 471,24†, XI, 386,10. 51,21 Sagen vor der Sündfluth: vgl. Klingers Roman „Reisen vor der Sündfluth“ (1794). 28–31 Vgl. den Aufsatz „Über den Gott in der Ge schichte und im Leben“, I. Abt., XIV, 43—57. 52,13ff. Vgl. B: „Wenn Engel durch Verdienste, durch Bekämpfung von Leidenschaften sich zu ihrer Würde aufgeschwungen, so mache ich ihnen ein viel tieferes Kompli ment als einem andern Geschöpf, das sie von Geburt besitzt. So muß auch der Mensch, selbst wenn er nicht Kräfte genug hat, seine ihm angeborenen Schwachheiten abzulegen, dem lieben Gott angenehmer sein als ein ur sprünglich vollkommener ...“ 53,7 Es handelt sich um ein und denselben Brief Emanuels.

Textgrundlage:

64. An Emanuel in Bayreuth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 50-53 (Brieftext); 406 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 9. Februar 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_64 >


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