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Hof d. 13 Jun. 97.
342,26
Wirst du meinen Brief vielleicht schon unter oder in dem Himmel
von Belgershain erbrechen? Wirst du schon, von nichts als Liebe um-
geben, ruhig sein und wird dein glükliches Auge auf nichts mehr fallen
als auf die grosse Natur, die das Sehnen nährt, und auf die schöne 342,30
Gestalt, die es stilt, auf 2 Frühlinge auf einmal? — Mein ganzes Herz
wünscht, daß es dir schon so sei.

Dein Urtheil über das Campaner Thal ist das von Otto, wiewohl
ihr beide den Zauber des Originals zu sehr auf die Rechnung des
Portraits und Portraitmalers schreibt. Ich hab’ es — kleine Studien343,1
dazu abgerechnet — vom 6 Jenn. bis zum 10 Febr. und den Kommen-
tar von da bis zu Ende des Märzes unter einer Stube vol Haus
haltungslärm gemacht: doch hab’ ich jezt ein besseres, mehr geräumiges
Logis und arbeite in einem besondern Zimmer. — Meine genialischen343,5
Läugner der Unsterblichkeit würd’ ich mit keinem Beispiele aus einem
Romane entschuldigen — denn das mus erst selber entschuldigt werden
— sondern mit der Geschichte, daß es einen Zäsar, Friedrich II.,
Göthe, einen empfindsamen Diderot gab, die sie alle nicht behaup-
teten. Gerade die wärmsten Menschen (z. B. mein[en] verstorbnen343,10
Oerthel) sah ich daran zweifeln. Keine Kraft des Geistes, keine
Schönheit der Seele kan wenigstens Epochen eines solchen Zweifels
verhüten. —

Ich füge nun die stükweise seit 4 Jahren gesammelten Gebeine zu
einem Knochengebäude <Plane> für meinen Mahmuth-Titan zu- 343,15
sammen: dan überzieh’ ichs mit seinem Nerven- und Adernsystem.
Schicke mir ja den Merkur, ob gleich von dem 1 Kapitel, das du ge-
lesen, nicht Eine Zeile und Szene bleibt. Lebe glüklich, Guter!

R.


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K (nach Nr. 627): Oertel 13 Jun. J: Denkw. 1,356×. 342 , 28 erbrechen] davor gestr. treffen? H 34 Originals] davor gestr. Stofs Gegenst[ands] H 343 , 14 Gebeine] aus Beine H, Beine K 18 Eine] aus eine H
Oertels Trauung fand erst am 3. Juli 1797 statt. 343,11 Oerthel: vgl. Bd. I, Nr. 82 und 335, 131,18, 305,14f. 17 Im 5. Stück des Teutschen Merkurs, Mai 1797, stand eine kurze Anzeige des Kampanerthals.

Textgrundlage:

642. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 342-343 (Brieftext); 514 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 13. Juni 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_642 >


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