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Hof d. 17 Jul. 97.
349,29
Mein guter Oertel! Mein Schmerz für dich ist beinahe so gros wie349,30
meine Hochachtung für den Grad von einer Tugend, die man in
unserem Jahrhundert fast noch eher findet als sucht: dein innerer
Mensch mus immer auf scharfe Klippen und volle Gräber steigen und
auf diesem Thabor steht er vol Glanz. Deine Leiden sind selten, aber
deine über-sinliche Ergebung ists noch mehr. Allein das Verhängnis349,35
kent dein Herz oder das menschliche: der volständige Besiz des Gegen350,1
standes nimt unwiderbringlich die Liebe hinweg (und zahlet Freund
schaft dafür), lässet aber den langen tiefen Wunsch nach der Liebe zurük.
Kein Sommertag ersezt den ersten Frühlingstag. Aber deine Ehe hat
keine „Sommerstunden“ sondern wie das schönste Klima einen fort- 350,5
blühenden Lenz: kurz ich weis gewis, daß auf eben deiner Klippe, woran
dein Herz nur blutet, nicht scheitert, für dich (vielleicht für den ersten
Menschen auf der Erde) das Immergrün einer ewigen Liebe ent
spriesset. Der Schmerz giebt deiner, ich möchte beinahe dazusezen,
meiner, Geliebten eine unnenbare nach Opfern dürstende Zartheit. 350,10
Aber verschone die blutende Seele mit dem kleinsten Zeichen deiner
Wunden: sag ihr lieber das, was ich dir sagte und beantworte ihre
Thränen nicht durch deine sondern durch Freude. Philosophische Gründe
helfen ihr nichts, nur deine Aussenseite: auch ist ihr Schmerz nur ein
Echo des deinigen und wenn sie wüste, daß du keinen hättest, kente sie350,15
ihren Verlust nur wenig, da Kinderlosigkeit etwas Gewöhnliches ist
und da ihre Sinnen rein sind.

Aber die Moral erlaubt <gebeut> ihr den schmerzlichsten Versuch
einer Heilung — einen gefährlichen giebt es hier nicht — und must du
denn deine Hofnungen auf Leipzig, stat auf Berlin und Jena ein- 350,20
schränken? Ich verbrenne deinen Brief, obwohl ein Belobigungsbrief
deines Herzens. Sage mir immer was dich quält: ach wie klein ist das
Verdienst, da ich nur die Seufzer, nicht die Bürde theilen kan. Nie ent
wische dir gegen Amöne ein Wink irgend eines Grams: ich kenne
die misdeutende — Eigenliebe. Wenn ich wähle, und das thu’ ich bald350,25
(aber ausser Hof, das ich nun in einem ½ Jahre verlasse, daher ich dich
um einen Rath zum Aussuchen einer Stadt — aber auf einem besondern
Blätgen — bitte) so wähl ich wie du. — Eine gefährliche Krankheit
meiner Mutter kettet mich durch Schmerzen von meinen Reise-
Freuden eine Zeitlang weg. Die Berlepsch deren Lob ich verspare, wil 350,30
mich im August nach Leipzig mitnehmen: sie ist moralischer und schöner
als die Krüdner und Kalb, aber nicht so genialisch.

Hier hast du Briefe: Herder schikte mir seine Bücher. Die Z aus
Zerbst schikte mir einen langen seidnen Beutel mit den eingestikten
Worten: dem grossen Genius des Hesperus. — Ich bitte dich, nie über 350,35
mein Schweigen zu zürnen, da ich täglich mehrere Briefe und Arbeiten
bekomme und immerfort je mehr ich Bücher schreibe desto mehr Stof
zu Büchern erhalte, so daß ich sterbe, ohne nur die Hälfte meiner351,1
Satiren, Reflexionen etc. der Welt gelassen zu haben. Blos der Eigen
nuz meiner Liebhaberei für deine Briefe verdoppelte bisher meine an
dich (nämlich relativ gegen andere Korrespondenten, denen ich den
3ten, 4ten Brief beantworte).351,5

Ach lebe du wohl, mein Geliebter! Wenn ich dich und deine edle
Sophie sehen werde, wird mein Herz in die Thränen der Liebe und der
Freude überströmen. Liebt euch immer so! werd’ ich denken, aber die
überfülte Brust wird es nicht sagen können!

Richter
351,10
N. S. O treibe doch an Beigang [!], daß er mir Lesebücher und
meine Rechnung schikt.
N. S. Ich lese jezt den Paul[lus] Septim[ius] von Bouterwek und
finde einen so reinen festen Umris der kritischen Philosophie von so-
vielen Schönheiten des Dialogs und der Phantasie berahmet, daß mich351,15
das Urtheil der L [itteratur] Zeitung erzürnt. Wenn er mich beneidet,
so betrifts nicht den Werth sondern das Glük, da er offenbar als Autor
nur den erstern gehabt

H: Berlin JP. 6 S. 8°. K (nach Nr. 661): Oertel 17. Jul. 97. J: Denkw. 1,359×. 349 , 31 den] aus einen H einer] nachtr. H 350 , 6 Lenz] nachtr. H 7 für dich] nachtr. H für den ersten Menschen] aus das erste mal H 10 nach] davor gestr. opfernde H 11 verschone] aus schone H 17 und bis sind] nachtr. H 19 einen] aus keinen H 23 theilen kan] aus mit dir theile H 30 eine Zeitlang] nachtr. H 31 und schöner] nachtr. H 37 Bü cher] nachtr. H 351 , 14 von] aus mit H 17 den] aus meinen H das] aus mein H
350 , 37 ff. Vgl. I. Abt., VIII, 154,5–13 (Titan, 34. Zykel). 351,13–18 Friedrich Bouterwek, „Paullus Septimius oder das letzte Geheimnis des Eleusinischen Priesters“, Halle 1795; rezensiert in der Allg. Literatur zeitung v. 18. Febr. 1797, Nr. 56; vgl. zu Nr. 605.

Textgrundlage:

663. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 349-351 (Brieftext); 517-518 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 17. Juli 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_663 >


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