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Korrespondenz

Von Jean Paul an Emilie Dorothea Friederike Harmes. Hof, 23. Juli 97.

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Hof d. 23 Jul. 97 [Sonntag].

Ich stelle meine zwei Entschuldigungen, theuere Freundin, sogleich voraus, um unbefangner mit Ihnen fortzusprechen: Ihren ersten Brief bekam ich nicht, den andern heute; und meine Reise wurde durch die Brustwassersucht meiner Mutter verschoben. — —

Ihre Vermuthungen sind eben so viele Schmerzen für mich, nicht weil ich unschuldig bin sondern weil Sie trübe sind. Nein, Theuerste, so leicht vergess’ ich nicht, und so leicht werden Sie nicht vergessen. Aus meinem Herzen durfte nie eine schöne Seele weichen, und keine, die ich liebte, und keine, die gelitten hatte — wie könte Ihr Bild, bei der Vereinigung dieser drei Beziehungen, je in meinem Geiste verschwinden oder erbleichen? Ich dachte oft an Sie, auch ohne meine 3 Lieblingsgesänge von Ihnen, aber immer beklommen, weil ich so viele Stunden Ihres Lebens denen ähnlich fand, die man auf zu hohen Bergen verlebt, in dünner oder leerer Luft, schwerathmend, um uns einsam und kalt, oben der stumme Himmel, unten der Glanz und die Kälte der Gebirge. — — Ach möcht’ es mein Titan so klar darstellen, als es in mir steht, daß die ganze idealische Welt nur vom innern, nicht vom äussern Menschen betreten und beschauet werden kan — daß der Irthum, sie zu verkörpern, der Wunsch, sie zu be- und erleben, noch widersprechender ist als die Sitte der Nordamerikaner, die jeden Traum erfüllen zu müssen glauben, und daß es so viel ist als Geister in Körper, Gott in die Welt, Idyllen in Schäfereien verwandeln wollen. Auch mich haben diese Irthümer lange verwundet, aber endlich bekehrt. —

Am Dienstag abends komm’ ich gewis, wenn das Wetter und meine sieche Mutter es nicht verbieten: liessen sie es aber nicht zu, so komm’ ich während Ihrer 4 Wochen zwar zuverlässig, aber ich meld’ es nicht vorher; denn im Nothfalle könt ich ja in Eger so lange wohnen, bis Sie mir die schönere Nachbarschaft zubereitet hätten. — Recht viel Grüsse an Ihre guten Kinder!

Leben Sie wohl, liebe Emilie, der Himmel stille das bewegte Herz mit seinem Frieden und nehm’ ihm alle Thränen weg, die nicht der Freude und der süssen Sehnsucht gehören!


Jean Paul Fr. Richter

N. S. Der Kutscher übergab Ihren ersten Brief dem Hausknecht; dieser ist in Bayreuth; morgen abends kömt er und hoffentlich Ihr Brief.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Emilie Dorothea Friederike Harmes. Hof, 23. Juli 97. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_666


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958. Briefnr.: 667. Seite(n): 352 (Brieftext) und 518 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Berlin acc. ms. 1914. 216 (derzeit BJK). 4 S. 8°. K (nach Nr. 662): die Berlepsch 23 Jul. J: Berlepsch Nr. 1. i: Denkw. 2,99. 352,8 Sie] aus sie H K 17 stumme] aus nakte H 21 be- und] nachtr. H 26 Am Dienstags H abends] nachtr. H 37 abends] nachtr. H

Über Emilie von Berlepsch orientiert u. a. ein Aufsatz von Otto Sievers in der Sonntagsbeilage zur Vossischen Zeitung v. 13. Sept. 1885, Nr. 37. Sie war als zweitälteste von vier Töchtern des Geh. Rats Karl Georg August von Oppel (auch Oppeln) und der Amalie, geb. Gräfin Dönhoff, im November 1755 in Gotha geboren (26. Nov. getauft) und starb am 27. Juni 1830 in Lauenburg. Aus ihrer am 2. März 1772 geschlossenen und um 1797 geschiedenen Ehe mit dem hannoverschen Hofrichter und Landrat Friedrich Ludwig von Berlepsch (1749—1818) stammten zwei Kinder, Friedrich, der 1802 unverh. in hannoverschen Diensten starb, und Luise, die sich 1798 mit einem Herrn von Lichtenberg vermählte. Sie war schriftstellerisch tätig und mit Herders befreundet. Von Jean Pauls Briefen an sie sind 11 in Dingelstedts Zeitschrift „Der Salon“ 1841 gedruckt erschienen; die Originale sind großenteils erhalten, aber verstreut; von den ihrigen an Jean Paul fanden sich 47 in seinem Nachlaß (Berlin JP, teilweise abgedruckt im 2. Band der Denkwürdigkeiten), doch fehlen einzelne, so gleich die hier erwähnten beiden ersten. Sie hatte Anfang Juli 1797 auf der Reise von Leipzig nach Franzensbad Jean Paul in Hof aufgesucht, s. Nr. 657. 352, 18–24 Vgl. I. Abt., VIII, 206,14ff. (Titan, Schluß der 8. Jobelperiode).