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Hof. d. 31 Jul. 97.
356,2
Einziger und Erster! Als Raphael seinen Johannes erschaffen
hatte, kont’ er mit so vielem Rechte wie Sie (p. VIII im Johannes)
sagen: ich bin kein Maler. Aber wer sagt dan: ich bin einer? —356,5

Gott gebe, daß die künftigen Jahrhunderte Sie mit dem um
fassenden latitudinarischen Sinne lesen, womit Sie darstellen: dan
sind — wenigstens auf dem Drukpapier — die Religionskriege vorüber.
Aber da Sie wahrhaft poetisch und dramatisch in Ihre Denkweise jede
fremde, sowohl der Völker als Individuen, auffassen und schonend ein356,10
weben, da Sie aus jedem Irthum die Wahrheit ziehen: so findet jeder
in Ihrem weiten System leichter seines als Ihres. Daher ist das
nicht immer blos ad hominem geschrieben, was so scheint: sondern
der Vorhang des Parrhasius ist oft selber ein Gemälde; wie Ihre
philosophischen und ästhetischen Untersuchungen mir beweisen, in356,15
denen allemal mit der Tiefe zugleich die Weite zunimt. Ich meine,
je länger Sie ein Objekt beschauen, desto mehr Stralen aus dem Uni
versum finden Sie darein laufend und der Zirkel jeder Welle breitet
sich zu einer Sphära armillaris aus. Niemand ist verständlicher als der
Einseitige und dem Kurzsichtigen glaubt man am ersten, weil seine356,20
Gegenstände vor uns liegen.

Wie alle Ihre dichterischen Übersezungen nur Metempsychosen
Ihres Geistes sind, so assimilieren Sie jede fremde Meinung, die
Sie annehmen, zu Ihrer. — Ihr Johannes, der eine gelehrtere
Kritik voraussezt als der Vorgänger, ist der mehr rein-menschliche vom 356,25
nazionellen Manierierten gesäuberte Abris des Christenthums. Er
stillet wie eine Ewigkeit sanft das Herz, nicht weil er Fragen über die
Religion — die schon der Geist der Zeit entschieden hat — sondern
weil er schwere Fragen über die Geschichte der Menschheit auflöset.
Vor Ihnen wurde jeder redlichen Seele wie Rousseau’n der Glaube 356,30
und der Unglaube ans Evangelium gleich schwer. Frappant wahr ist
der lezte Period p. 58.; — erquickend wahr p. 276—300 — p. 210 in
der Note ist Ihre Meinung über die Aufer— —wachung Christi
eben so klar als heterodox, die sogar der Orthodoxe annehmen könte,
wenn er fassete, daß auf der Erde entweder gar nichts oder alles357,1
Wunder ist und daß beides — einerlei ist — — p. 249 358 378 sind
merkwürdig. Am meisten aber gefiel mir das, was Sie von p. 1 bis
416 sagen.

Warum übersezen Sie nicht wenigstens das N. T. Ihre christlichen 357,5
Schriften sind eben so unentbehrlich als unersezlich; nur wünscht’ ich
für die Menge, daß Ihr Vorhang des Allerheiligsten zuweilen einen
weitern Ris erhielte, aber ohne Golgatha. — Die Briefe über
Humanität sind dem inhumanen Jahrzehend Arzenei. —

In allen Ihren Gemälden von der deutschen Litteratur scheint mir 357,10
zwar nicht der ironische Schlagschatten Swifts, aber doch das ironische
Streiflicht Horazens vorzuwalten: Ihr griechischer Geist thut scheint
es der Stadt Unrecht, wo er wohnt.

In Ihren zerstreueten Blättern verschlang ich die Gedichte und die
Abhandlungen über die Unsterblichkeit: Fr. v. Berlepsch (die auf eine 357,15
für mich merkwürdige Weise Klarheit und Kälte und Kraft und Phanta
sie vereint) nahm das Buch mir weg ins Bad. Ich liebe sie sehr ......
das kan eben so gut auf Ihre Abhandlungen als auf die Fr. v. Ber
lepsch
gehen, und die 2. ersten Zeilen oben leiden beides.

Mein Urtheil oder vielmehr meine Freude über Ihre Beweise357,20
unserer Ewigkeit ist in meinem Kampanerthal schon voraus abgedrukt,
worin ich zu meinem Entzücken mit Ihnen unwissend zusammentreffe.
Fliegen Sie doch durch dieses Thal: es hat nicht die Musaik des
Münsters, sondern das weite Grün eines Thales.

Haben Sie Nachsicht, Geliebtester, mit diesem Briefe, den ich357,25
kallygraphisch und ästhetisch besser hätte schreiben müssen, wenn nicht
Zerstreuungen, Geschäfte, Zeitmangel, Reisen und — Ihre Liebe meine
Fürsprecher wären.

Wie glänzend und wie sanft steht jezt Ihr Geist wie eine Abendsonne
vor meinem und ich sage: bringe allen Augen deinen Morgen und dein357,30
Licht und bring’ es meinen auch!

Jean Paul Fr. Richter


H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 8 S. 8°. K: Herder 31 Jul. J: Herders Nachlaß Nr. 15. B: IV. Abt., II, Nr. 208. 356 , 11 die] aus eine H 14 oft] nachtr. H, fehlt K 20 seine] aus die H 26 Manirierten K 29 schwere] nachtr. H 30f. Glaube und der] nachtr. H 32 der] aus die H 357 , 1 gar nichts oder] nachtr. H 12f. thut scheint es der Stadt] aus scheint die Stadt zu H 21 Camp. Thal K
Vgl. Nr. 657. Herders hatten geschickt: die 9. und 10. Sammlung der „Briefe zur Beförderung der Humanität“; die 6. Sammlung der „Zer streuten Blätter“ (darin Abschnitt III: „Palingenesie. Vom Wieder kommen menschlicher Seelen“); die 3. Sammlung der „Christlichen Schriften“ mit der Schrift „Von Gottes Sohn, der Welt Heiland; nach Johannes’ Evangelium“ (416 Seiten, Fortsetzung der Schrift „Vom Erlöser“, s. zu Nr. 379); sämtlich 1797 erschienen. 357,19 Die 2 ersten Zeilen oben (auf der Seite) enthalten die Worte 16f. Klarheit bis vereint. 23 f. Musaik des Münsters: vgl. 358 , 23 †.

Textgrundlage:

672. An Herder. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 356-357 (Brieftext); 520 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Gottfried von Herder. Hof, 31. Juli 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_672 >


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