Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Hof d. 22 Aug. 97.
365,31
Unverändert Geliebter,

Wie gros mein Brief-horror naturalis sei, soltest du aus dem
Schweigen auf solche Briefe wie deine schliessen, worin eben so viel
Gluth als Schimmer ist und deren Schwungfedern eben so lang sind365,35
als glänzend. Ich schreibe jezt fast keine Briefe mehr als — erste: den
zweiten haben Wenige aufzuweisen ausser dir. Nun zieh’ ich vollends366,1
auf immer von Hof nach Leipzig (mit meinem Bruder) in den Strudel
der Arbeiten, Bücher, Lustbarkeiten, Bekantschaften — Dan braucht
hoff ich das Schiksal nicht so viele Maschinenmeister mehr, um unsere
Körper-Karyatiden zusammenzurücken und wir umarmen uns unter366,5
den Augen des 3ten Freundes.

Die Kropff gieng, als ich im Egerbade war, hier durch zurük. Sie
bleibt die ewige milde zona temperata.

Verzeih die Kürze! Du weist nicht, wie ich dein Herz liebe und deine
Talente achte: ich brauche zu meiner wärmsten Liebe für dich kaum366,10
deine Briefe, geschweige meine; aber zu meiner Freude brauch ich jene.

Lebe glüklich!

Jean Paul

N. S. In Mahlman find’ ich ein ungemeines Talent für den
elegischen Ausdruk der Empfindungen: aber wie sol ich einem nie366,15
Gesehenen einen zweiten Brief schreiben?
[Adr.] Ihro Hochwohlgeboren dem H. Regierungsassessor v. Ahle
feld
in Berlin. d. E.
Sei so gut und sende die Inlage an M

H: Berlin acc. ms. 1931. 27 (derzeit BJK). 3 S. 8°; Adr. auf der 4. S. K: Ahlefeld 22 Aug. J: Dietmar Nr. 3. B: IV. Abt., II, Nr. 174, 191, 220. A: IV. Abt., III.1, Nr. 11? 365 , 33 soltest] davor gestr. erken[st] 35 Schimmer] danach (Wiz) K
366 , 6 Der dritte Freund ist wohl Fr. von Oertel, dem aber Ahlefeldt nicht sonderlich gefallen hatte. 7 Die Kropff: Ahlefeldt erwähnt im IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 220 den „Durchgang der Venus durch die Hofsche Sonne“. 14ff. Siegfried August Mahlmann (1771—1826), Jean Pauls nachmaliger Schwager, hatte den Winter 1796/97 in Berlin verbracht, wo Ahlefeldt sich mit ihm anfreundete; vgl. B (Nr. 170): „Du kennst und liebst Mahlmann aus seinen Briefen; ... er verehrt dich enthusiastisch ... er be grüßt dich durch mich ...“ (Nr. 188:) „Das was ich dir hier schicke ist das Vermächtniß des guten Mahlmanns, welches er hier zurückließ und das ich dir als executor übermache — wenn du ihm antworten willst, so sende mir deinen Brief ...“ 19 M. = Matzdorff.

Textgrundlage:

684. An Ahlefeldt in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 365-366 (Brieftext); 523 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Johann Georg Jacob von Ahlefeldt. Hof, 22. August 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_684 >


Zum XML/TEI-file des Briefes