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373,16
Bayreuth Sonabends [16]. Sept. 97.
Sontags.

Ich wolte gestern wenigstens ein Paar Zeilen schreiben — und mit
dem Paare fang’ ich heute an. — Den Schnit deiner Federn wirst du373,20
im nächsten Frühling noch finden.
Um ½10 Uhr.

Jezt hab ich deinen Brief. Nun bin ich über meine Abwesenheit
wieder durch die Entzückungen des freundlichen Paars bei euch, und
durch das Betragen meines Bruders getröstet, der vor mir, aber mit 373,25
weniger Recht wie der Straus mit seinem Kopfe Versteckens spielt.
Hätt’ ich den alten Stokknopf mit dem W der Spangenberg noch, diese
Wilhelmine müste auch darauf. Ich werde sie nur wiedersehen, so
leibhaftig hast du mir sie gemalt. — Das mit Serboni hat mich
gerührt: möge der kleine Planet nur irgend einen Wiederschein der 373,30
Sonne, die ihm fehlt, durch sein Gefängnisgitter bringen! Kein
heiligeres Geschenk giebt es nicht als das angebotene. — In
Schwarzach war ich und unser Simultan-Bruder den ½ Mitwoch
und den ½ Donnerstag. Leider hab’ ich schon Carolinen diesen vom
Himmel herabgesenkten Himmel oder Freudenort gemalt. Nur Zeit373,35
und weite Stiefel fehlten mir, um einmal durch ein langes isoliertes
Gehen in diesem vollen befruchteten und überblühten Paradiese so374,1
viele verlorne meiner Phantasie wieder zu finden. Ach warum wird
dem Menschen alles so spät gegeben und die besten Walnüsse erst, wenn
ihm vorn ein Hauptzahn fehlt? — Sogar der Hofrath — sie ohnehin
mit ihrem ewig-jungen Auge — gefält mir immermehr. 2 Loth374,5
Voigtisches Pulver hat er bei mir käuflich abgesezt, nachdem ich
abends gratis (nach der grösten Erhizung als Freudenmeister und als
Clavizembalist) eine Probe-Messerspize genommen. Da ich troz der
Erhizung keine Kopfschmerzen bekam, so bin ich nun ein Proselyt und
Apostel des Pulvers. Beide Leute erinnern sich mit der zärtlichsten und 374,10
sehnsüchtigsten Achtung deiner; und das thun alle deine Wirthe —
Schäfer und sie — und deine Mitgästin, die Fürstin, die dich ungemein
liebhat. Ich habe es nicht aus ihrem Munde — denn der war samt
Rest 1 Tag vor mir schon abgereiset — sondern von Schäfer. — Das
Fischersche Ehepaar hat mir bessere Federn (zumal eine neu an- 374,15
geschnittene aus Frankfurt am Main) gestohlen als ich hier führe. —
Ich laufe hier meinen gewöhnlichen Zodiakus von Häusern durch: ich
werde dir nicht viel zu erzählen haben. Dienstags geh ich hier ab. —
Vor euch erscheinet ein Mensch veränderlich im Geschmak, weil er, der
aus einem 30jährigen einsamen Isolatorio und Bicêtre herauskam374,20
und der vorher darin weder Städte noch Mädgen noch Bälle noch
Leute gesehen, nun die allerersten, die er vor der Kerkerschwelle antraf,
natürlicher weise für herlich ausschrie (denn er verglich alles mit den
Ratten und Ketten und Mauerflecken seines Bicetre) und weil er
nachher über der Schwelle draussen oft anderer Meinung wurde,374,25
wenn er sich umsah und verglich: besagter Mensch war und ist später
gar nicht veränderlich ....

Wäre meine Zeit nicht in Hof so bang-enge zugeschnitten und mit so
vielen Allotrien verkürzt: so vergäss’ ich hier bei unserem Doppelbruder
die Zeit. Ich wil nach Jena. In Leipzig wil ich wild und hart gegen 374,30
jeden Zeitdieb sein und einmal anfangen, meine Schreibereien nicht
mehr für Brunnenbelustigungen im Badorte des Lebens, sondern für
ex officio’s anzusehen. Lebe wohl, Lieber! Emanuel grüsset dich, ohne
es mir vorher gesagt zu haben. Ich bedauer’ es seinetwegen, daß ihn
in Hof nicht das Fischersche Paar gesucht: du möchtest dan ihm, denn 374,35
der Grund wäre derselbe, sowohl geschrieben haben als mir.

Leb wohl Lieber! R.

H: Berlin JP. 6 S. 8°. Im Datum hat Otto vor Sept. eingefügt: den 16. K (nachtr. im Okt. nach Nr. 679) ohne Überschrift. J 1: Otto 2,99. J 2: Nerrlich Nr. 26. B: IV. Abt., II, Nr. 231. 373 , 26 wie] davor gestr. gerade H 28 werde] davor gestr. brauche H 374 , 6 käuflich] nachtr. H 7 als] davor gestr. durch H 10 Leute] nachtr. H 13f. samt Rest] nachtr. H 15 Fischer sche] nachtr. H 17 laufe] aus gehe H Zoadikus aus Zodiakus H! (vgl. I. Abt., VIII, 250,28ff.) 19 euch] doppelt unterstr. H, wahrscheinlich von Otto, der im November 1797 Jean Paul vorwarf, daß in seinen neueren Briefen „an die Stelle des Du das zusammennehmende, oft unwillige Euch“ getreten sei (vgl. 346,15.20; Bd. III, 16,25ff.) 20 30] aus 100 K 21 noch Bälle] nachtr. H 35f. denn der Grund wäre derselbe] nachtr. H
373 , 23 ff. Vgl. Nr. 698†; Otto hatte in B geschrieben, Frau Fischer habe von Jean Pauls Schreibtisch zum Andenken zwei Federn mitgenommen. „Dein guter Bruder Samuel erwarb sich einen Theil der Liebe, die sie blos für Dich mitgebracht hatten, und er hat sie verdient ... durch alles ... Die armen schlesischen Festungsgefangenen Leipziger, Contessa, Serboni sind seine [Fischers] vertrauten Freunde, und letzterer hat sein Exemplar Deines Hesperus zum einzigen Trost mit auf die Festung und zog mit ihm von Glatz nach Spandau und dann nach Magdeburg ... Fischer hat dieses Exemplar von seiner Frau zum Geschenk erhalten, und wenn es wieder in Freiheit ist, wollen sie Dir es schenken.“ Es handelt sich um Josef Zerboni di Sposetti aus Breslau (1760—1831), den nachmaligen Oberpräsidenten der Provinz Posen, der damals wegen eines Angriffs auf den Minister Grafen Hoym und wegen Beteiligung an einem Geheimbund (dem auch Fischer angehörte) zusammen mit dem Hauptmann Aug. Wilh. von Leipziger (1764—1829) und dem Dichter Chr. Jak. Salice Contessa (1767—1825) verhaftet worden war. 27 Wilhelmine von Spangen berg, s. Bd. I, Nr. 297†. 33ff. In Schwarzach waren Jean Paul und Emanuel bei dem Ehepaar Voigt zu Besuch, vgl. zu Nr. 427; Otto war Anfang August 1797 dort gewesen. 374,35f. Der Sinn des Schlußsatzes ist: du hättest mir wohl nicht geschrieben, wenn dir der Fischersche Besuch nicht den Anlaß dazu gegeben hätte; es bestand damals zwischen Richter und Otto eine Verstimmung, vgl. Nr. 651 und 387,30f.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Orte

Textgrundlage:

701. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 373-374 (Brieftext); 526 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Bayreuth, 16. September 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_701 >


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