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376,19
Hof. d. 2 Okt. 97.
376,20
Den 30ten Sept. bekam ich Ihren Brief, gute Emilie. Ich bin
unschuldig, Emilie — ich glaubte nichts zu sagen als was ich schon
mündlich gesagt — ich liebe Ihre (möcht’ ich sagen) metrische Seele
unbeschreiblich und ewig — und wie kan ich dem guten Auge, dem
ohnehin die Vergangenheit den Himmel so trübe bezogen, selber376,25
irgend eine blaue Stelle habe[n] nehmen wollen? Ich war in diesen
paar Tagen oft bei Ihnen im Park und zerris mein Herz mit jedem
Seufzer, der stat des Blutes aus Ihrem wunden gieng. O Gute,
kennen Sie mich denn aus meinen Büchern und Gesprächen noch so
wenig, daß Sie ihnen weniger glauben als irgend einer verunglükten376,30
Brief-Wendung? Must’ ich nicht glauben, daß Sie dieselben Aeusse
rungen, die Sie mit den Ohren vertrugen, auch mit den Augen ver
gäben? Oder ist irgend eine Wolke zwischen uns, die mich verbirgt und
dafür eine feindliche Gestalt hinmalt? Ich sehe Ihre geliebte durch die
Wolke und liebe Sie nach Ihrem Briefe noch wärmer; aber ich377,1
werde nicht gesehen: und nunmehr, da ein unbegreifliches Mis
verständnis uns verwundet, so schweig’ ich bis wir uns sprechen über
alles aus Furcht vor einem neuen, da ein briefliches sich leider erst
durch die lange Post und nicht wie das mündliche durch Einen Blik377,5
auflöset.

— Fischer und seine Frau — eine Gräfin v. Reichenbach — kamen
aus Jena nach Hof zu mir, sahen aber (ich war noch in Bayreuth)
nichts von mir als meine litterarische Farbenhütte und nahmen
2 Federn und 3 Blüten daraus mit. Otto hat mir die Frau sehr 377,10
gelobt.

Ihre Schilderung von Weimar erinnert mich an meinen alten
drückenden Gedanken: daß die aller-aller-wenigsten Menschen einen
Lebensplan, obwohl Wochen-, Jahrs-, Jugend-, Geschäftsplane
haben. Die Menschen sind auf ihrem Wege ohne Ziel und der Zufal,377,15
die Noth und die Begierde drängen sie an eines, und das nehmen sie für
ihres: Goldstücke und Ehrenmedaillen ziehen den Menschen am
längsten im Leben nieder und so stirbt der äussere, ohne daß der innere
je flog. Die Dumpfheit der menschlichen Wünsche — die Gleich
gültigkeit gegen innere Einigkeit — die halb ungleiche halb zu377,20
fällige
Ausbildung der innern Glieder, deren eine Hälfte einem
Riesen und deren andere einem Zwerge anpasset — diese Dinge
können mich, wenn ich sie lange betrachte, nicht blos traurig, sogar
zaghaft machen. Auf die Kirchhöfe der ganzen Erde solte man die
algemeine Grabschrift sezen: hier liegen die Wesen, die sonst nicht377,25
wusten was sie haben wolten.
d. 4. Okt.

Ich lies den Brief bis heute liegen, weil ich Ihnen erst heute die
völlige Gewisheit schreiben konte, daß ich endlich ein Logis im
blauen Engel in der Leipziger Petersstrasse habe: meine Abreise im 377,30
November ist fest.

Solt’ ich Ihnen aus Hof nicht mehr antworten — wozu mich
Erbschafts-, Ordnungs-, Reise- und Abschiedsplagen leicht zwingen
könten — so sezen Sie nur auf Ihren zweiten Brief „abzugeben bei
Buchhändler Beygang“. 377,35

Leben Sie glüklicher als Ihr lezter Brief beweiset! Sie wissen nicht,
wie ich Sie liebe. Der Abschied von allen lieblichen Verhältnissen
hier giebt mir viele Wunden mit nach Leipzig: mög’ ich dort in Ihrem 378,1
schönen Herzen kleinere finden!

Richter

N. S. Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, welche ungemein schöne
Stellen ich in Ihren Briefen, zumal im vorlezten finde.378,5

H: Univ.-Bibl. Leipzig. 6¼ S. 8°. K: Berlepsch 2 Okt. J: Berlepsch Nr. 4. i 1: Wahrheit 5,274. i 2: Denkw. 2,109×. B 1: IV. Abt., II, Nr. 232. B 2: IV. Abt., II, Nr. 233. A: IV. Abt., II, Nr. 243. 376,31f. dieselben Aeusserungen] aus dieselbe Aeusserung H 377,3 bis wir uns sprechen] nachtr. H 7 kamen] aus waren H 9 Farbenhütte] danach (Museum) K 14 plan] nachtr. H 15 ihrem] aus dem H 17 den Menschen] nachtr. H 18 nieder] nachtr. H 26 haben] nachtr. H 37 von] aus aus H 378 , 1 in] aus an H 4 schöne] aus unge meine H
Emilie war durch Jean Pauls nüchternen Brief (Nr. 697) bitter ent täuscht worden, wie wenn „die hohen schwellenden Wogen plötzlich ein Frost erstarrt“ (B 2). In A klagt sie: „Sehen Sie, das war mir eigentlich so schmerzhaft und kränkend in Ihren Äußerungen, daß Sie glaubten nöthig zu haben, sie zu thun, und vollends schriftlich zu wiederholen. Ach! schlecht genug ertrug ich es mit den Ohren ... Wo war die Veranlassung, mich so laut, so schmerzhaft aus dem süßen Traum zu wecken, worin mich alles, was ich je von Ihnen las und ahndete, gewiegt hatte?“ 376,27 In B 2 erzählt Emilie, daß sie viel einsam im weimarischen Park sei. 377,12ff. Vgl. I. Abt., VII, 309,21ff. Emilie hatte über Weimar geschrieben: „Übri gens ist hier alles wie durch einen bösen Zauber auseinander gesprengt; Liebe, Freundschaft, Begeisterung, Kunstgenuß, ja sogar Geselligkeit, sind hier nicht einmal mehr ein Laut, ein Schatten! Ein bleiernes Nichts ... drückt alle Köpfe, alle Herzen in eine scheinbar gleiche — Unform.“ (B 2)

Textgrundlage:

707. An Emilie von Berlepsch in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 376-378 (Brieftext); 527-528 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emilie Dorothea Friederike Harmes. Hof, 2. Oktober 97 bis 4. Oktober 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_707 >


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