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Hof. d. 21 Okt 97.
383,28
Mein guter Oertel! Die Nachricht deiner körperlichen Wunden
hab’ ich zum Glücke nach der Heilung der leztern erhalten. Wie sehn’383,30
ich mich in deine Umarmung, seitdem nicht blos eine solche Reihe
trennender Stunden sondern auch so viele beraubende zwischen uns
oder hinter uns stehen! — Von Hof und mir erzähl ich dir nur münd- 384,1
lich. Aber wegen der trüben Geschäfte, die eine gänzliche ewige Ab
trennung anhäuft, seh ich dich schwerlich in Leipzig — und ich bekenne
dirs, ein oder 2 Tage, die noch dazu meine Ankunft mit ihren Ge
schäften und deine Abreise mit ihren, verfinstert, sind für mich kein384,5
Ersaz für die frohe reine Zeit unserer ersten Erblickung in Belgershain.

Meinem major domus Beigang kan ich nicht genug danken. Eben
darum verbietet mir die Dankbarkeit die Ausmalung meiner Bitten.
Denn ich möchte ihn gern fragen (oder bitten) — jezt kanst du es —,
ob das höhere Zimmer, das mir lieber ist als ein in die Erde ver384,10
sunknes, Stille hat, Plaz, genug Möbeln, und eine Person, die man
zum Aufwarten dingen kan. Unter Möbeln mein ich blos elende: ich
verlasse in Leipzig mein ärmliches Leben nicht; wenn ich nur Tische
genug zum Schreiben und Lesen für mich und meinen Bruder und alte
Repositorien (so um mich gestelt wie hier) bekomme, so frag’ ich nach384,15
nichts. Nichts macht unsere Seelen hölzerner als das meublierende
Holz, das uns mit ewigen Sorgen einschränkt. Eben so werd’ ich mir
meine Zeit (wenns nicht die Menschenliebe dekretiert) niemals nehmen
lassen, ausgenommen die von 12—2, und die nach dem Abendessen.
Ach ich habe noch so wenig zu leben und noch so viel zu schreiben! —384,20

Der metereologische [!] November wird schön; und in welchem
heitern moralischen werd’ ich ihn bei dir und deiner Sophie anfangen.
Die Sprache hat noch kein Wort für die eigne Liebe geprägt, die man
für die Geliebte seines Freundes fühlt. Lebe wohl unter deinen fallen
den Schmerzen, Guter! Sie thaten mir weh, ob sie gleich vorüber384,25
waren.

Richter


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K: Oertel 21 Okt. J: Denkw. 1,363. 383 , 32 so] davor gestr. verwund H 384 , 8 verbeut K 11 eine Person] aus Leute H 14 genug] nachtr. H alte] nachtr. H 15 um mich] nachtr. H 22 heitern] davor gestr. schönen H 25 Sie bis 26 waren.] nachtr. H
384 , 23 f. Vgl. I. Abt., III, 76,4–6: „Die Empfindung für die Geliebte eines Freundes führt eine unnennbare Süßigkeit und moralische Zartheit mit sich.“

Textgrundlage:

726. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 383-384 (Brieftext); 531 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 21. Oktober 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_726 >


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