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[ Hof, 21. Okt. 1797 ]
384,29
Hochstehende Seele. — [Nie, Freundin, hab’ ich Sie soviel sprechen384,30
hören als seit 8 Tagen. Mad. de Stael ist Ihre Schwester Rednerin,
und in dem was ich las, glaubte ich den] Wiederhal unsrer Junius
stunden [zu hören. Noch kein Weib schrieb so über die Liebe, und
noch keins so über alles andere. Aber es ist leichter der Bewunderer
als der Jünger zu sein, und ich bedauere und bewundere dieses ener384,35
gische Herz. — Diese Verbindung sind Sie besonders von mir gewohnt.

Gute Charlotte! den 1ten November bin ich in Leipzig —] der 385,1
Lindenstadt, in der ich neben den Bienen einigen Lindenhonig anzu
treffen denke; [aber meine Freundschaft für Ihr Auge und] die
Kraft, womit Sie die äussere Welt in die innere ziehen, [wird nir
gends verändert.] Welche Zeiträume sind zwischen unsre Hofnungen385,5
getreten!

[Fr. von Berlepsch kenne ich von Franzenbad und achte sie hoch]
— Ich urtheile, damit Sie urtheilen. [Im Winter sind Sie in Weimar
und aus Leipzig ist mehr ein Schrit als Flug dahin; wenn Sie mich
sehen, werden Sie mehr über die Vergangenheit als Zukunft fragen. —385,10
Durch die vielen Pausen ist meine Historie sehr verlängert worden.

In der Michaelismesse erscheint nichts von mir. — Gleim, Nachtigal,
Matthison geben Erholungen unter dem Titel „Hebe“ heraus; auch]
vor meiner Hausthür schlugen sie die Werbetrommel so lang bis ich
mitgieng. [Leichte Arbeiten nehmen die Kräfte, weil sie kleine385,15
brauchen. —] Göthe lies [als er nach Italien reiste] wie eine wandelnde
Sonne an den deutschen Wolken seine Aurora zurük. [H. von Knebel
lies bei meinem Otto ein trefliches Bild zurük.] Er war die erste Blume,
die auf dem leeren Meere schwimt, die mich an die glükliche Insel
(Weimar) erinnert. Sie sind die Kalypso darauf, nur daß Sie schönere 385,20
und höhere Verwandlungen vornehmen. — [Nur meine Sehnsucht
nach einem so lange zögernden Briefe drang mir diesen unter den
Zurüstungen der Reise ab.]

Ihre Talente helfen andern mehr als Ihnen.

K: Kalb 21 Okt. i 1 (nicht nach K): Denkw. 2,47. i 2 (nicht nach K): Denkw. 2,49 (27. Okt. 1797). A: IV. Abt., III.1, Nr. 2. Die Ergänzungen der beiden ersten Absätze sind aus i 2, die andern aus i 1; der letzte Satz steht in K auf einer neuen Seite und ist möglicherweise nicht zugehörig. 384 , 31 Ihrer i 2 385 , 3 aber bis 6 getreten!] wie vieles ist zwischen meine Hoffnungen getreten! aber meine Freundschaft für Ihr Auge und die Kraft, womit Sie das Aeußere in Ihr Inneres ziehen, wird nirgends verändert. i 2 7 Franzensbad i 1 16 wie bis 17 Wolken] fehlt i 1 18 Er war die erste] seine Erscheinung hätte mich gleichsam wie eine i 1 20 Sie bis 21 vornehmen] nur daß dort schönere Verwandlungen hervorgehen als durch die Kalypso i 1
384 , 31 Staël: vgl. 380,28†. 385,5 verändert: vgl. A: „Jawohl hat sich vieles in uns geändert ...“ 7f. Vgl. A: „Frau von Berlepsch sah ich oft. Hat sie Ihnen gefallen, so haben Sie sehr wohl gethan, sich dieser angenehmen Empfindung zu überlassen; ich habe keine Empfindung für sie und auch keine gegen sie ...“ Vgl. I. Abt., IX, 354,28f. (Titan, 125. Zykel.) 12–15 Hebe: s. Nr. 694†. 16f. Goethe kam auf seiner ge planten Reise nach Italien nur bis in die Schweiz; mit der zurückgelassenen Aurora sind wohl seine Gedichte im Schillerschen Musenalmanach auf 1798 (Die Braut von Korinth, Der Gott und die Bajadere u. a. m) gemeint, vielleicht auch Hermann und Dorothea; vgl. A: „Vortrefflich ist Goethens Hermann und Dorothea; seine Gedichte las ich noch nicht, sie sollen sehr antichristianisch sein.“ 17f. Knebel war im Sommer 1797 in Bayreuth gewesen und dort Anfang August mit Christian Otto zusammengetroffen (Otto 2,79). 20 Kalypso: Verwechslung mit Circe; vgl. A: „Kalypso hat nicht verwandelt, sondern ist verwandelt worden.“

Erwähnungen im Kommentar:

Werke

Textgrundlage:

(*) 727. An Charlotte von Kalb in Kalbsrieth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 384-385 (Brieftext); 531-532 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Charlotte von Kalb. Hof, 21. Oktober 1797. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_727 >


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