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Hof d. 27 Okt. 97 [Freitag].
387,2
Gestern sagt’ ich mir es noch nicht, daß ich dich heute nicht mehr
sehen wil, weil ich deinen Anblik mit einem solchen Gedanken nicht er
tragen könte. Vergebt mir alle meine schweigende Flucht, die ich mir387,5
und vielleicht nicht mir allein schuldig war. Ach der Körper erträgt
weniger als die Seele. — Hier versüsse dir mit der Dichtkunst — ich
wolte dir das Buch erst an deinem Geburtstag geben — den Ge-
danken des Sontags und das regenbogenfarbige Band sei das Zeichen
des ewigen Bundes wie das Zeichen der schönern Zukunft.387,10

Hier ist das Geld für die Leinwand. Briefe an mich werden an dich
kommen, brich sie vorher auf wie einem, der im Gefängnis ist. Sorge
daß mein Nachlas Sontags oder Montags fortkömt. Es klingt mir
alles wie ein Testament. Mein Abschied war wie meine Trauer über
meine Mutter, ein Vierteljahr vor ihrer und meiner Abreise. In Gera 387,15
bleib ich einige Tage. Morgen abends geh ich nach Zedwiz und bleibe
beim Kammerdiener über Nacht und sehe ganz allein die stummen
Stoppelfelder der eingeernteten und vergangnen Freuden an.

Eben verlangtest du mich auf Abend. Gott gebe, daß ich mein
Inneres mit Spas ersticke und die Qualen der Phantasie bezähme. —387,20
An Emanuel schreib den Ort meines Aufenthaltes. Nim der armen
Caroline etwas von ihrer dunkeln Einsamkeit.

Mein leztes Wort an dich ist noch: sei muthig, strebe gegen kränk
liche Phantasien mänlich an und trete wie ich immer muthiger und
weiter ins thätige Leben hinein, damit deine Kraft noch mehr andern387,25
und dadurch dir nüze. Und so mit diesem Wunsche, mit diesen Hof
nungen, mein Unvergeslicher, mein ewig Geliebter, schliesse sich für
mich meine Jugendzeit und wir wollen von einander gehen und schwei
gen. Edler und würdiger ist unser künftiges Beisammenleben in Briefen
und in den Tagen der herlichen Wiedererblickung als das bisherige ge387,30
trente und schlaffe. — Wenn der Mensch eine Ewigkeit in seinem
Herzen tragen kan: so sag ich: du bleibst in meinem und ewig. Und das
sage auch deiner geliebten Schwester und deinem geliebten Bruder:
ich wil euch 3 nicht in der Welt suchen, denn ich find euch nicht.

Und so lasse mich ziehen von deinem Herzen und von meinen Freuden387,35
und von meiner Jugend.

Richter

Sonabends um 1 Uhr. Ich habe doch deine von Liebe und Wehmuth388,1
verherlichte Gestalt noch einmal gesehen. Ewigen Dank. Jezt bricht
mir das Herz

H: Berlin JP. 4 S. 4°. K (nach Nr. 732): Otto 27 Okt. J 1: Otto 2,108. J 2: Nerrlich Nr. 27. A: IV. Abt., II, Nr. 249. 387 , 24 trete] aus trit H (vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 68) wie ich] nachtr. H 30 Wiedererblickung] aus Wiederkunft H
387 , 8 Buch: vielleicht der Musenalmanach auf 1798, vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 241. 16 Zedwitz: vgl. Nr. 597†.

Textgrundlage:

735. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 387-388 (Brieftext); 533 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 27. Oktober 97. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_735 >


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