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H[of] d. 18 März. 95 .
60,24
Lieber Christian60,25
Hier ist das zu lange Reisejournal Fälbels; und zugleich dein
Exorzismus dabei, der vor einigen Jahren Teufel aus mir jagte, von
denen ich mich nur wundere, daß sie mich besessen haben. Meine jezige
Umarbeitung ist blos eine Rechtfertigung deines Tadels — und den
Anlas zum leztern, die erste Ausgabe, hab ich wiewol mit vieler60,30
Schamröthe auch beigelegt. — So ist der Mensch: nur ist das unser
Seelenkrebs, daß wir eben aus den Veränderungen, die wir schon mit
uns haben treffen müssen, nichts schliessen als das daß wir um so
weniger — neue brauchen. Kurz unsere Veränderlichkeit ist uns das
Pfand unserer Unveränderlichkeit.60,35

Deinem Briefe über Fixlein werd’ ich als einer Kritik blos mit 61,1
Veränderungen antworten, wiewol ich nicht überal deine Meinung
(oder vielmehr blos deine Schlüsse daraus) adoptieren oder vielmehr
(was die Hauptursache ist) realisieren kan. Aber er ist noch etwas
höhers: ich wolte, ich übergäbe sogleich den ersten Eindruk — der bei61,5
mir allezeit gegen den 2ten wie Sonne gegen Mond, absticht bei allen
möglichen Büchern — dem Papier, damit du deine Freude an meiner
hättest. Es ist aber ein[e] eigne Empfindung, zugleich ins Gefühl des
eignen und fremden Werths die bittere Empfindung des fremden
Kummers zu giessen, mit der du durch eine resignierende Ergebung nur61,10
desto tiefer einschneidest; — aber ich wüste keinen Trost — nicht für
den, der es leidet, sondern für den, der es lieset — wenn ich nicht gewis
wüste, daß einige Menschen zu gut sind, um unglüklich zu sein — daß
sie entweder poetische, oder feinere, oder träumende Schmerzen mit der
reissenden Gicht der armen andern Menschen vermengen — daß in61,15
einer Seele vol Licht, vol Wärme, vol transzendent[er] Hofnung, vol
Wahrheits-Sehnsucht nicht viel Plaz übrig bleibe für nur Eine
Wunde — und daß der, mein Lieber, der von Haus zu Haus geht und
immer nur Glüklichere findet, daß du mein Guter, deine stille Zu
friedenheit eben so wenig tauschen möchtest wie deinen Werth. Irre61,20
dich nicht durch Träume; es ist aber das Schiksal des Menschen, daß
das innere, selbst erworbne Glük seine äussern Foderungen anstat zu
mässigen erhöhet. Gute Nacht, mein Christian, sag mir alles was dir
wehe thut, sobald du denkst, daß es dir dan leichter werde.

H: Berlin JP. 2 S. 4°. K (nachtr. im 4. Brief buch nach Nr. 96) ohne Überschrift. J: Otto 1,201. B: IV. Abt., II, Nr. 27. 60 , 33 das] nachtr. H 34 das] ein K 61 , 3 vielmehr2] aus wenigstens H 4 Hauptursache] aus Hauptsache H 6 gegen den 2ten] nachtr. H gegen2] aus und H 8 eigne] aus eignes H 10 zu] nachtr. H 14 entweder] nachtr. H
Vgl. Bd. I, Nr. 361†. 61,8ff. Otto hatte in B von der „Bekümmernis“ gesprochen, die ihn in der letzten Zeit bedrückt und gegen die ihm Richter (mündlich?) die Lektüre des Quintus Fixlein empfohlen habe. 18–20 Vgl. B: „Wenn es mir manchmal sehr unmuthig ums Herz war, so machte ich mir in Gedanken die Freude, in meiner Nachbarschaft hausiren zu gehen und Gasse auf, Gasse ab in jedem Hause einzukehren, um zu sehen und mich zu freuen, daß viele (und ich dachte und fand allezeit die größre Zahl) glücklicher und ruhiger wären als ich.“ Vgl. 74,3ff.

Textgrundlage:

77. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 60-61 (Brieftext); 408 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 18. März 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_77 >


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