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[ Hof, 22. Mär. 1795. Sonntag]
61,33
Den Wernlein änderst du nicht, er spasset selbst über seine Brief
Ai-heit 〈Faulthierheit〉 um abzuwenden, daß andere Leute nicht dar61,35
über zürnen. Ich wil mich aber verstellen und ihm heute über seine62,1
briefliche Polygraphie ein Elog[ium] zuwerfen: „Auch schreibst du im
Ganzen viel, wenn ich anders nach den Briefen urtheilen darf, die du
kriegst und die deine Antworten voraussezen. Eigentlich mus man
schon froh sein, wenn du nur eintunkst und hinschreibst: Neustadt den62,5
und den 95 und kein Wort weiter. Warlich ich bin so sehr auf den
Anblik einer freundschaftlichen Hand ersessen, daß es mich befriedigen
würde, wenn mir nur einer von Posttag zu Posttag ein Schreiben
schikte des Inhalts: Der ich die Ehre habe zu verharren Ew. etc.
Hundertmal geht man zu Bekanten, ohne etwas wicht[igeres] zu62,10
hören als den Brief Elenchus: der ich die Ehre [habe etc.] Denn das ist
eben das gröste Glük des verwundeten und verarmten Menschen
geschlechts, daß unter 1000 etc. nur ½ Mensch weis, warum er den
andern liebt und besucht. Die Menschen leben in den Tag hinein —
lernen in den Tag hinein — lieben in den Tag hinein, ausgenommen62,15
der Exquintus alhie, der Leben, Lernen, Lieben bleiben lässet. — Heute
ist Bustag und ich bin lustig; aber gerade öffentliche Passionstage
arten zu Fastnächten und noch mehr umgekehrt: wenn ein Volk über
deinen Kopf hinüberjauchzet, wirst du am geneigtesten sein, in eine
Laube zu gehen und beklommen der untergehenden Sonne oder einem62,20
Würmgen auf d[er] Laube zuzuschauen. — Störe mich nicht und lasse
mich schreiben was mir beifält. Thue mir den Gefallen und schreibe
mir einen Saz, den ich nicht glaube, damit ich ihn anfechten kan. — das
rastrierte Geäder der Gedankenstriche — Gebährhaus der Druckerei[?]
— Thust du es nicht, so fall’ ich Tropfen in die Hände (wenn sie nicht62,25
etwas schlimmers am Arme haben) und ich stehe einer ganz andern
Partheilichkeit Preisgegeben — Lob macht nur, daß man seine Stufe
behauptet, Tadel aber, daß man eine höhere ersteigt — Gegen deine
kritischen placita und Erkentnisse würd’ ich das beneficium appel
lationis
oder doch leuterationis ergreifen — Trät’ ich in die kritische62,30
Vehme ein: ich würde keinen Teufel schonen, möcht’ er laborieren
oder kollaborieren — Da [die] Berliner Bibliothek die grösseren
Sünden thut als rügt: so solte man sich fragen, warum die genialischen
Kunstrichter häufiger sein sollen als dergl. Autoren — denn es ist ein
Vorurtheil, daß der höhere Geschmak öfter zu finden als das höhere62,35
Genie. — Der Prügel ist fort, aber der stachlichte Dornenstok grünt
im Hause. Die alliierten Mächte werden ehe[r] Frieden machen als die
verwandten. Warlich [ich] wil lieber den stärksten Keulenschlag des63,1
Schiksals als das Geprickel abgeschossener Nadelbriefe dulden, das
Schiksal schiesset und erlegt Mädgen wie wir kleine Vögel (damit sie
nicht zerrissen werden) nur mit Vogeldunst — Der Frühling nehme
bald den drückenden Winter von der Seele und Gegend und stelle dich63,5
vor eine lange Blumenwaldung hin, deren Blumen in Einem fort
gehen bis an den Horizont, und aus den hohen Blütenhalmen müsse sich
im Mai ein Krauskopf auskrabbeln und herausheben — der deines etc.

K: Wernlein 22 März. B: IV. Abt., II, Nr. 26. 62,2ff. Wie weit das „Elogium“ reicht, ist nicht zu erkennen.
Wernlein hatte den Schreibpakt (s. zu Nr. 9) nicht eingehalten, sondern auf Richters Novemberbrief (Nr. 38) erst im März geantwortet. 62,16 Exquintus: Wernlein hatte in B angekündigt, er werde nächstens ein von ihm verfaßtes Schulprogramm „Über die Mittel, den griechischen Sprachunterricht zu erleichtern“ schicken, über welches alle seine Amts brüder vom Lang in Bayreuth (Lorenz Joh. Jak., Professor, 1731—1801) bis auf den gewesenen Quintus in Hof die Hände über dem Kopf zusammen schlagen würden. Gemeint ist Joh. Nik. Brückner (s. Bd. I, Nr. 90, 145,4†), der am 22. Febr. 1795 Pfarrer an der Hospitalkirche in Hof geworden war; s. Nr. 83 und I. Abt., V, Einl. S. XII. 17 Bußtag: 22. März 1795 = Judica. 25ff. Nach B hatte Wernlein seine frühere Absicht, die Mumien zu rezen sieren (s. zu Nr. 38), aufgegeben, da er sich — auf Veranlassung von Christian Otto — entschlossen habe, keine Schrift eines Freundes öffentlich zu beurteilen. 32 kollaborieren: Anspielung auf Wernleins Kollaboratur, vgl. Bd. I, Nr. 348†. Berliner Bibliothek: s. zu Nr. 76. 36ff. Gemeint ist das Heroldische Haus; vgl. Nr. 82.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

79. An Wernlein in Neustadt a. d. Aisch. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 61-63 (Brieftext); 409 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Wernlein. Hof, 22. März 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_79 >


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