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Eilig
Hof. d. 23 März 95 [Montag].
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Ich nehme mit der innersten Seele an dem Aufreissen und Ein
wühlen in alle Ihre Narben Theil. Alles was Sie verlangen, thu’ ich
heute schriftlich. Wollen wir aber jezt neben dem Schmerze auch die64,5
Vernunft hören. Ich wolte fast gewis voraussagen, daß Er Einmal
nach der Lesung meines Briefes kömt; — und soviel ist auch jezt genug,
da die Feiertage ohnehin bald den 2ten Besuch herbeiführen —; aber
vor Mitwochs, oder Donnerstags ist diese Erscheinung wegen des zu
nahen Bezugs auf den gestrigen Kampf, schwerlich möglich. Sie thun64,10
sehr Unrecht, mich auf fremde Kosten zu loben: in meinen Verhält
nissen würde er dasselbe weiche Schonen fremder Wunden haben, ja
mich in der launenlosen Festigkeit und Beständigkeit noch übertreffen.
Seine Verhältnisse kennen Sie nicht wie ich, um ihn eben so moralisch
tadellos zu finden wie ich. Machen Sie sich aber nur nicht aus einer64,15
nahen Wolke einen ganz schwarzen Himmel — als wenn dieses Viertel
jahr (denn dann, oder eher ist alles Düstere entflohen) nicht zu über
dauern wäre. Sol denn die Traurigkeit die einzige Leidenschaft sein, die
allein genähret, aber nicht gezügelt zu werden verdient? — Erinnern
Sie sich nur wie Sie bei jedem häuslichen Zank oder auswärtigen Mis64,20
verständnis gerade die jezigen Proph[ez]eiungen der Zukunft machten
— und durch den nächsten Zufal war alles wieder erleuchtet und ver
schwunden. — Abends geh’ ich zu Ihm; und beim Fortgehen geb’ ich
ihm den Brief. — Leben Sie wol — Der Himmel halte das Haupt der
gebükten Blume und nehme die schweren Gewittertropfen weg und geb64,25
ihr seine Sonne und seinen Morgen wieder.

Ihr
Freund.


H: Kunst- u. Altertümersammlung der Veste Coburg. 2 S. 4°. K (nach Nr. 79): d. 23 März Amoene. J 1: Otto 4,244× (31. Dez. 1796; vermengt mit Nr. 80 a u. 497). J 2: Neue Zürcher Zeitung, 2. Nov. 1922, Nr. 1432. 64 , 16 ganz] aus ganzen H 17 oder eher] nachtr. H

Textgrundlage:

81. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 64 (Brieftext); 409 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Otto. Hof, 23. März 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_81 >


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