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Hof. d. 23 März 1795.
64,30
Was ich jezt schreibe, lieber O., ist halb eine Bitte halb eine Frage.
Ich werde dir heute abends das gestrige Verbal-Boxen drunten, er
zählen. Drunten hängen einem nichts als Schwerter über den Kopf und
auf Degenspizen geht man — aber alle diese Spizen, (vom wilden
Vater und vom niedrig-neckenden Bruder) vereinigen sich nur in Einer 64,35
Wunde: gegen A[möne] ist alles gekehrt. Ich mag dir nichts von ihren
bisherigen mündlichen, oder heutigen schriftlichen Klagen schreiben,65,1
die du alle leicht erräthst; aber da alle diese Drückungen stündlich wachsen
und da sie wenig mehr hat als das, was sie über der Thürschwelle
draussen findet und da ihr auch das genommen werden sol, sobald ihre
Besuche nicht mehr durch deine erwiedert werden: so darf ich dir wol65,5
die ganze Sache vorstellen, damit du nämlich nur Einmal hinunter
gehest. Dein Verschwinden mus sie mit Vorwürfen büssen: denn auf
eine auch nur von weitem erträgliche 〈vernünftige〉 Interpretazion
deiner Abwesenheit rechne drunten nicht. Du kanst ja immer die
Zwischenräume deiner Besuche weiter machen. Ich gestehe dir gern65,10
den schwülen Gewitterdruk, den du wenn du diese Woche hinunter
gehest, auf dich nehmen must; aber liegt er denn auf einer andern Person
nicht noch viel schwerer? Und wilst du denn nicht mit 2 versäuerten
Stunden 2, 3 bittere Wochen von schwächern, siechenden Menschen ab
wenden? — Du wirst doch in 3 Wochen 3 Stunden zu verlieren haben,65,15
die du auf keine moralischere Art verwenden kanst als zu dieser Auf
opferung? — Ich schor mich gestern den Henker um alles und um
schlos mein Ich mit meinem Bewustsein und lies den Alten in der Strafe
des seinigen stehen. Du kanst mir glauben, es ist mir eben so peinlich,
mit dir hinunterzugehen, weil ich mich in dich hineinfühle; ich thue es65,20
aber doch gern. — Erfüllest du meine fragende Bitte nicht: so hast du
andere Ursachen als ich bestreite und du kanst kühn, im Vertrauen auf
meinen Glauben an deine Berechtigung, gänzlich darüber schweigen;
du kanst mir nichts sagen, was ich nicht vorausseze. — Verzeihs fein.

Gieb mir blos „die Magie der Phantasie“ bald, beurtheilet, zurük: 65,25
ich arbeite sie um. Gute Nacht.

R.


H: Berlin JP. 2 S. 4°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 68) ohne Überschrift. J: Nerrlich Nr. 12. 65 , 6 damit] davor gestr. daß H 7f. auf eine auch nur] aus nur auf eine H
64 , 35 Bruder: Georg Herold, s. Nr. 563†.

Textgrundlage:

82. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 64-65 (Brieftext); 409 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 23. März 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_82 >


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