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[ Hof, 26. Juni 1794 ]
11,18
Wie man Hühner einspert, damit sie besser legen: so solte man
Autores hinausjagen, damit sie es nicht thäten sondern den Eierstok11,20
reifen liessen. Es giebt, wenn man lange über Einer Sache brütet und
sizt, eine närrische Erschöpfung, die keine körperliche ist, weil sie
mehrere Wochen dauert, und keine des Gedächtnisses und der Kentnisse,
weil man über dieselbe Sache nach wenigen Wochen ohne neues
Studium wieder besser hekt, sondern eine aus Uebersättigung. Ich11,25
denke, mein lieb[es] Du! noch immer an die schönen Blütenabende
deines Kometenschusses durch Hof und an den lezten Morgen, der dich
in den 2 Brenpunkt deiner ellyptischen Bahn fortführte — und an
unser stummes sinnendes Sizen neben einander im Leichenwagen des
Abschieds — und an die eingeschlafne Natur um uns als hätte sie die11,30
ganze Nacht gewacht — und an den Zirkus von Bergen um uns —
Berge sehen wie stille in der Zukunft stehende Jahre aus und wenn
man gerührt ist — ein weinendes Auge ruht am liebsten an Sternen
und Gebürgen aus.

Ich weis nicht sollen unsre Episteln poetische — oder Zeitungen —11,35
oder Disputazionen — oder Satiren sein oder — welches das Beste
ist — alles das hinter einander. Ich wolte der Nachsommer würde
heuer vor dem Sommer gegeben, damit ich junger Tobias und mein 12,1
Engelein Otto bald bei dir ankämen, nicht um dich zu sehen — denn du
bist geschrieben zu haben — sondern um des Extrahasen und Seelen-
mestizen [?], dessen Seele auch ein blosser Adjunkt des Körpers ist,
habhaft zu werden. —12,5

Ad N. II. wäre viel zu sagen und Otto hätt’ es sagen sollen. Es ist
überhaupt soviel als hätt’ er diesen Auftrit gemacht, da er ihn stehen
lassen. Also um ihn — den Otto, nicht den Auftrit — ein wenig zu
vertheidigen, führ’ ich an, daß ich schon etwas angeführt, um ihn —
den Gustav, nicht den Otto — zu vertheidigen — etc. daß Menschen, die12,10
unfähig sind, zu verführen, darum nicht unfähig sind, verführt zu
werden — daß seine Empfindsamkeit, die du für den Schuzgeist seiner
Tugend hälst, gerade die Eva Schlange derselben ist. Hier stell’ ich die
Beispiele [von] Enthusiasten, Dichtern als eine Wagenburg um mich,
um zu beweisen, daß die edelsten Gefühle, sobald sie zugleich die12,15
heftigsten sind, eben weil sie mit den unedelsten dieselbe physische
Gartenerde des Körpers theilen und zum Blühen brauchen, sehr
leicht (wenn nicht Grundsäze hindern) in die nachbarlichen Gewächse
des nämlichen Bodens ausarten können. Tugenden, die eine gewisse
Disposizion des Körpers voraussezen, sind Wand- und Thürnachbarn12,20
ihrer Antipoden, wenn diese von derselben Disposizion Nahrung
ziehen. — Wie eine Kokette wie Danae die Schlinge kolorieret hatte,
womit sie einen solchen Platoniker wie Agathon an sich schnüren können
— das hätte uns Wieland sagen sollen. — Gerade hab’ ich den Brief
beschnitten und ein Paar Worte mit: daraus wollen wir beide, damit12,25
wir nur einen Nuzen haben, die Lehre ziehen: man mus Briefe und
Menschen so beschneiden und quadrieren, daß der Verstand nicht mit
weggeht. Aergere dich nicht, daß ich heute dum bin: der Augustbrief sol
gleich seinem Monat eine reiche zeitige Ernte abwerfen.

Ich kan heute kein gescheutes Wort reden, obwol mit mir eines zu12,30
reden wäre. Der Himmel führe dich jeden Abend hinaus unter die
moluckischen Heuschober und belege diese Blumenberge mit der
Silberfolie des Mondes und ziehe kleine Zephyrflüsse durch diese ge
blümten Ufer und aus diesen Flüssen lasse er Flötentöne wie Kreise
oder Wellen aufwallen — und so in diese Wogen und Strudeln werfe12,35
er deine zappelnde Seele ganz hinein, damit du einen recht hübschen
Sommerabend hast.

K (nach Nr. 5): Wernlein 26 Jun. 94. B: IV. Abt., I, Nr. 145. A: IV. Abt., II, Nr. 4. 11 , 20 nicht thäten] davor gestr. bleiben liessen
11 , 26 Wernlein war im Mai 1794 in Hof gewesen und hatte mit Jean Paul Brüderschaft geschlossen. 12,3f. Der Adjunkt Oertel in Neustadt ist gemeint, vgl. Bd. I, Nr. 435, 392,26†; Wernlein antwortete: „Der Hase, auf den du dich so freuest, bildet sich immer mehr zum Extrahasen.“ 6–24 Wern lein hatte in B die Verführungsszene im 37. Sektor der Unsichtbaren Loge beanstandet: „Im ganzen Buche bin ich auf nichts gestoßen, das einer Nachahmung nur von weitem ähnlich gesehen hätte; aber bei der 224. S. des 2. Th. [I. Abt., II, 335f.] konnte ich mich nicht enthalten, an die Ge- schichte des Agathons und der Danae zu denken. Ich gestehe es Ihnen aufrichtig, ich schob das Buch nach den Worten ‚alles, alles ...‘ ein wenig unwillig auf die Seite; und ich bin noch heute der Meinung, daß Sie diese Scene nicht vertheidigen können. Nach alle dem, was Sie von den Vor fällen des ganzen Abends erzählten, hätte ich nichts weniger, als dieses erwartet. Selbst das, was im Zimmer der Residentin vorgeht, macht es mir nicht begreiflich, daß G[ustav] noch in eben der Stunde so tief fallen konnte. Wenn ich annehme, wie begeistert G. von B[eata] seyn mußte, da ihm die Theatergeschichte so trefflich gelungen war; wie sehr eben der Umstand, daß sie nicht mit auf dem Ball zugegen war, die Begeisterung unterhalten mußte; so sehe ich nicht ab, wie G., der erhabene G. sich in einer Minute so hinreißen lassen konnte!“ Otto hatte im Brief v. 22. März 1792 (Abt. IV (Br. an J. P.), I, Nr. 133) der Absicht Jean Pauls, diese Szene gänzlich einzuschmelzen (Bd. I, 348,9), widersprochen. In der 2. Auflage (1822) hat Jean Paul an der betreffenden Stelle einen rechtfertigenden Absatz eingeschoben (I. Abt., II, 336,8–21). — „Ad N. I“ hatte sich Richter, wie aus A hervorgeht, gegen Wernleins Vorwurf in B, die Persiflage über die Hypochondristen im 38. bis 48. Sektor zu weit getrieben zu haben, in einem „Spicilegio animadversionum“ verteidigt. 28 Augustbrief: Rich ter und Wernlein hatten auf Vorschlag des ersteren vereinbart, ein ander immer einen Monat um den andern zu schreiben; vgl. zu Nr. 79. 32 moluckisch = würzig duftend; vgl. den 18. Sektor der Unsichtbaren Loge.

Erwähnungen im Kommentar:

Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

9. An Wernlein in Neustadt a. d. Aisch. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 11-12 (Brieftext); 394-395 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Wernlein. Hof, 26. Juni 1794. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_9 >


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