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Hof. d. 7 Apr. 95 [Dienstag].
72,9
Während du drunten beim Alten vom Berge über mein Entlaufen 72,10
zürnst: hab’ ich erst deine radierten Blätter langsam überschauet.
(Nachmittags, im durstigen Zwischenraum zwischen Wein und Bier ist
drunten meines Bleibens nicht)

Du kanst Tagelang von dir reden, nur must du es nicht entschuldigen,
welches das einzige Fehlerhafte dabei ist. Man kan 1) ohne — 2) mit72,15
Eitelkeit etc. von sich reden und schweigen: gute Menschen machen ihr
Ich zum Postament und Mahlergestelle des Universums und mahlen
aufs Individuum das Algemeine hinauf; — andere kehren es um und
machen die Erdkugel zum Fusgestelle ihrer Winzigkeit und meinen —
wie die Franzosen, wenn sie man sagen — unter den algemeinsten Be- 72,20
hauptungen nur Sich. Da du bei deiner Selbstschäzung die fremde
nicht versehrest und in deiner keinen Fehler begehst als den, der dem
gewöhnlichen entgegengesezet ist: so schildere dich so lange du wilst; nur
tadl’ es nicht. Beim Himmel! kan man denn aus seinem Ich heraus
und womit? Wir schämen uns ordentlich alle, nur eines zu haben und72,25
thun als wenn nur der andere ein Er haben dürfte: und der andere thut
wieder so und so gehts miserabel in der Welt — Wenn wir einmal alles
fremde Gute achten: so wollen wir unsers auch achten — und du
brauchst am allerwenigsten, und noch weniger gegen mich, um absolu
tionem in articulo Ipsitatis
anzuhalten.72,30

Aber zur Sache, oder zur andern!

ad N. 1. Das ist wahrlich das Umgekehrte. Es schmerzet mich bitter,
daß du immer meinem Tadel die gröste Ausdehnung, und meinem Lobe
die gröste Einschränkung ertheilst und jenen für entfahren und dieses
für wilkührlich, jenen für Urtheil des Kopfes, dieses für das des Her72,35
zens ansiehst. Glaube mir, so strömend ich gewöhnlich im Enthusiasmus73,1
die Leute ins Gesicht lobe ....

d. 10 April. (Ich fahre wie ein Wechselfieber erst nach 3 Tagen fort)
— so that ichs doch nie bei dir, weil du selber, gleichsam für den 〈im
Namen des〉 andern bescheiden, nur ein pythagoräisches Karthausenlob 73,5
ertheilst, und alle meine Aeusserungen sind nur Anfänge jener Aus
brüche, keine ganzen Ausbrüche .... Ich habe heute am Freitag
1000 Dinge vergessen, die ich am Sontag sagen wollen.

2. Eben diese Selbstkentnis oder Selbstverkentnis taugt wenig. Werfe
dich in die Materie: so zieht sie dich von selber. Die Briefe — nicht deine73,10
sondern alle — sind blos deshalb besser als Bücher, weil dort die Bahn
das Ziel ist und weil man über die schnel hinter einander aufspringenden
kleinen Quellen (stat Eines Buch-Stromes) sich und seine Fahrzeuge
vergisset. (Die Allegorie wil nicht passen)

3. Nego majorem et minorem. Ich vergleiche dich überhaupt nur73,15
mit dir, — sonst wär’ es leichter, dir den Tref-, Zier- und Spiesdank
ohne Abzug zuzutheilen — Aber weder im Vergessen noch im Andeuten
des Planes scheinest du zu sündigen: sondern die Materie wird über dich
oft Herr stat du über sie. Ich meine, weil du viele Gedanken erst unter
dem Gebären zeugst: so mus dir — wie es jedem, sogar dem erklärtesten73,20
Belletristen geht, der über Dinge schreibet, wo er nicht den Beobach
tungsgeist, die Erinnerung, die Gelehrsamkeit, sondern den Scharfsin zu
Hülfe nehmen mus, der zugleich gebiert und zeugt — die Art, wie sie dir
das erstemal einfallen, die sein, wie sie dir aufs Papier entgleiten; jene
Art aber modelt sich im Historischen immer nach der Art der historischen73,25
Quellen am leichtesten. Kurz in Briefen interessieren oder übermannen
dich die schnel-abwechselnden Materien weniger; im Buche steht ein
blendender Kolos von weissem Marmor vor dir, über dessen Besehen
du das Bekleiden vergissest. Daher z. B. behalte ich weit mehr im
1 Theil, wo meine mikrokosmische Geschichte noch steter fliesset, zur73,30
Verzierung Kräfte, als im 3ten, wo sie mich mit schwemt. Aus dem
selben Grunde, aus demselben Verlieren in die Materie, ist es für viele
schwerer, eine philosophische als eine leidenschaftliche Gedankenfolge
darzustellen. Jenem Verlieren aber entgehest du bei jeder 2ten Bearbei
tung derselben Sache.73,35

4. Ich hoffe, daß du damit nichts gesagt haben wilst; sonst verschwür’
ichs, ein einziges kritisches Wort über deine Sachen zu sagen. Über
haupt ist mit kein Tadel bitterer und ärgerlicher, als der, mit dem du74,1
immer — dich belegt.

5. Es ist kein Misverständnis. Ich wuste wol, daß der Mensch, der
unter eignen Leiden allemal die ganze Menschheit für leidend halten
mus und dem hinter seinem Trauerflor die ganze Ebene verfinstert74,5
und dämmernd erscheint, schon den halben Flor zerrissen hat, wenn er
nur andere für glüklicher nehmen darf. Aber das was ich dir ent
gegensezte, solte blos dein Bedürfnis, um jener Ursache willen zu hau
sieren, widerlegen: auch kan ich von keinem Menschen — schon wegen
des schamrothen Gefühls, da wir alle eine Gleichheit des Schiksals74,10
verdienen — die Behauptung ausstehen: er sei minder glüklich als ich.

Deine übrigen Anmerkungen sind eben so richtig als schön gesagt
— die über mich können wir mündlich bereden.

Man erbittet sich die Retour seines Eigenthums; und später irgend
einmal auch die der eignen Aufsäze über Magie, Fälbel und Liebe samt 74,15
deinen Anmerkungen dazu, deren Foderung ich jezt, da ich lange nichts
fertig bringe so bald nicht wiederholen werde. Lebe wol und vergieb
der Eiligkeit das Halbe, Mangelhafte und Unbestimte meines Gesages.

Richter


H: Berlin JP. 5 S. 4°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 86) ohne Überschrift. J: Otto 1,224×. B: IV. Abt., II, Nr. 30. A: IV. Abt., II, Nr. 37. 72 , 10 von H 28 wollen] aus dürfen H 30 ipsitatis K 73,1 strömend] aus ströhmend H 13 Eines Buch-Stromes] aus eines Buchstromes H 20 mus] aus ist H 23 Art] davor gestr. Darstellung H 24 sein] nachtr. H 25 der Art der] aus den H 29 behalte] stand erst nach 31 Kräfte H 32 für viele] nachtr. H 74,7f. entgegengesezte H 10 schamrothen] nachtr. H da] aus daß H 17 fertig] nachtr. H
72 , 10 Alte vom Berge: Herold. 14ff. Otto hatte B damit begonnen, sich wegen der raschen Rückgabe des Fixlein selber zu loben, und daran eine allgemeine Betrachtung über Selbstlob geknüpft. 32ff. Jean Paul bezieht sich auf Ziffern, die er in B an den Rand gesetzt hatte; er schickte also B mit zurück (vgl. 74,14). Nr. 1 bezieht sich auf Ottos Bemerkung, Richter sei wahrer im Tadel als im Lobe (Ottos). 73,8 Sonntag: wohl versehentlich statt Dienstag. 9–14 Otto hatte — unter Bezugnahme auf Richters Bemerkung 66,28ff. — es als Hauptmangel seiner eignen schrift stellerischen Arbeiten bezeichnet, daß er seine Absicht, sein ängstliches Verlangen nach einem Ziele nicht verbergen könne: „Ich darf sagen, daß der Fehler bei mir nicht an Mangel der Selbstkenntnis liegt, sondern mehr im Mangel der Einsicht dessen, was ich lüften, was ich leichter und lockerer heben und legen müßte, um den ängstlich drückenden Alp nicht zu spüren und nicht zu verraten. Man sollte ... schreiben, wie du verlangst, daß man reisen soll, ohne Plan und Absicht, wie Sterne reiset, wie er schreibt und spricht ...“ 15ff. Vgl. B: „... ich kann mich auf der einen Seite nie der Besonnenheit bemächtigen, die das Einzelne als seinen eigenen Zweck ansieht und behandelt, indes sie dennoch (das Allgemeine) das Ensemble im steten Anblick erhält und jenes in dieses unaufhörlich verflößet; und auf der andern Seite werde ich durch mein eigenes unbefriedigtes Gefühl immer genötiget, wie bei einer ordentlichen und rechtlichen Chrie auf meinen Plan hinzudeuten ...“ 36ff. Vgl. B: „Es ekelte mich schon oft vor allem, was ich einige Zeit hingelegt hatte, und jetzt will ich vor dem Entschluß der Verwerfung den der gänzlichen Umarbeitung vorhergehen lassen, ob ich wohl im voraus an der Besserung verzweifle.“ 74,3 Otto hatte — mit Bezug auf Richters Worte 61,18–20 — geschrieben, Richter habe ihn nicht ganz so verstanden, wie er es gemeint habe: „Wenn ich irgend einmal eine Vergleichung anstellte, so geschah es nicht mit dem Wunsch, nicht mit dem leisesten, halb unbewußten Verlangen nach einem Tausch ..., sondern ... daß mich fremdes Unglück bei eigenem ... nur noch mehr niederschlägt, und daß mich bloß der Gedanke aufrichtet: andere Menschen sind glücklich.74,15 Aufsatz über die Liebe: I. Abt., V, 208—214.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

96. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 72-74 (Brieftext); 412-413 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 7. April 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_96 >


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