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Hof. d. 14 April 95 .
74,26
Geliebter Freund,

Jeder Ihrer Briefe ist ein festeres Ordensband des Herzens, das
meines näher an Ihres bindet, und es würde mich unaussprechlich
kränken, wenn ich Sie einmal sehr — leider ein wenig wol — ver74,30
kant hätte. Sie können sich kaum die mishellige Empfindung eines
Autors denken, wenn er die Lieblinge seiner Seele den tölpischen mer
kantilischen Betastungen Ihrer meisten Mes-Kollegen überlassen mus;
dafür aber können Sie sich vielleicht besser die meinige vorstellen, die Sie
erschaffen, wenn ich den aus meinem Geiste ausgegangnen Geist mehr75,1
an Ihrem Herzen als in Ihren Händen sehe, mehr väterlich gepflegt als
kaufmännisch gewogen, mehr als Glaubens- denn als Handelsartikel.
Es würde nicht meine Schuld sein, wenn wir beide jemals auseinander
kämen — und wärs auch, so würd’ ich den nie verkennen, dem ich einmal75,5
Worte wie diese geschrieben. Sie haben daher alzeit das Vorkaufs
recht bei allen meinen künftigen Manuskripten: nehmen Sie sie nicht,
so haben wir nur weniger Geschäfte, nicht weniger Liebe. Ich werd’
Ihnen nächstens ein kleines leichter geschriebenes Bändgen wieder
anbieten: ich bin nur heute zu eilig.75,10

Sie haben über die bäotische [!] Rezension etc. sich nicht die geringste
Schuld zu geben, nur das ausgenommen — was mir als einem offen
herzigen Freunde zu tadeln erlaubt sein mus —, daß Sie dem quäkenden
Froschlaich, der fremde Eier rezensiert, nicht soviel Ködermücken in den
Teich zuwerfen [solten] — Lassen wir die versunkne Menagerie in ihrem75,15
Schlam. Für die Lesewelt: die Kapitel kürzer als den Styl zu machen —
sich keine Mühe zu geben, um keine zu machen — im Schlafe zu schrei
ben, damit andere [?] im Schlafe lesen können. Pflicht, dem Ideal des
Schönen auf eigne Kosten treu zu bleiben und einige Bequemlichkeit
eines vorüberrinnenden Seins gern der Wahl ewiger Gedanken hin75,20
zugeben.

H: Berlin JP. 2 S. 4°. (Schluß von 75,13 dem an fehlt.) K: An Mazdorf 14 Apr. 95. J (am Schluß i): Nachlaß 4,256×. 75 , 9 kleines leichter ge schriebenes] nachtr. H 11 bäotische] vgl. Bd. I, Nr. 33, 57, 26 †. 14 nicht] nachtr. K in den Teich] nachtr. K
H stammt aus Jean Pauls Nachlaß, ist also jedenfalls eine nicht abge sandte Fassung. In der abgegangenen, die Matzdorff am 21. April erhielt und beantwortete (die Antwort ist nicht erhalten), muß der Hinweis auf das neue Werk (Fixlein) 75,8–10 etwas anders gelautet haben; denn Matz dorff schreibt am 1. August 1795 mit Bezug hierauf: „Das, was Sie mir sagten, war mehr Ihrem Selbstgefühl als der Wichtigkeit der Sache an gemessen. Selbst der mir ungeläufige Provinzialismus heuer [vgl. I. Abt., V, 539, Anm. zu 151,9], der mit dem Ton Ihrer Frage so schön zusammen stimmte, mußte dazu beitragen, eine so wichtige Zeile nicht gehörig zu würdigen und auszudeuten ... Ohnedies hätte es kaum einer Anfrage be durft, ob ich schon wieder zu Ihrem Dienste bereit stände, wenn das Werk chen, dessen Sie erwähnen, mit der Kürze der Zeit in einem so genauen Verhältnis stand.“ Vgl. zu Nr. 137 und 151. Über die Rezension vgl. zu Nr. 76.

Textgrundlage:

98. An Matzdorff in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 74-75 (Brieftext); 413-414 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Carl August Matzdorff. Hof, 14. April 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_98 >


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