Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



62,19
Berlin d. 9. Apr. 1801.
62,20
Geliebter Bruder! Ich schweige über dein Schweigen auf meinen
Jenner-Brief, da ich leider in der wilden Zeit so viele Fäuste sehe, die
dir keine Feder lassen. Mögest du nicht zu traurig sein und möge der
Frühling dich an seiner blumigen Brust ausheilen!

Endlich bekam ich Reinholds 1ten Beitrag von Fichte selber, der mir 62,25
gestand, R. stehe jezt höher als je. Die Heavtogonie und vorn die
Geschichte find’ ich herlich und fast alles. Fichte, der gegen ihn schreiben
wil, bleibt dabei, „das Denken als Denken“ sei seine „intellektuelle
Anschauung.“ Ich bin über Bardili’s Epitomator froh. Aber aus dem
reinen Denken weis ich nicht was damit oder daran für ein Urding62,30
herausgedacht werden sol; etwas noch höheres ist das verhülte Ding
„die Überzeugung“, die ja darüber oder darin richtet und die so
wenig wie Hume sagt, blos eine blos lebhaftere Vorstellung ist, 63,1
da ja an der Überzeugung die Lebhaftigkeit selber wechselt und wieder
an der Vorstellung oft ist, die man nicht glaubt und da Glauben und
Nichtglauben ja nicht im Grade verschieden sind. Auf den 2ten Beitrag
harr’ ich deinetwegen wie auf den Frieden. — Fichte, mit dem ich sehr 63,5
gut stehe obwohl unser ganzer Dialog ein Janein ist, sagte mir, er
nehme über und ausser dem absoluten Ich, worin ich bisher seinen
Gott fand, in seiner neuesten Darstellung noch etwas an, Gott. „Aber
so philosophieren Sie sich zulezt aus der Philosophie heraus“ sagt
ich zu ihm. Du hast ihn wahrscheinlich dahinauf gepeinigt. Aber63,10
dan zerbricht das Gebäude und das Deduzieren und Philosophieren
höret bei dem auf, was er nicht geschaffen und nur ein Dualismus
anderer Art trit ein. Ich sagt’ ihm, dan hab’ ihn Schelling, Reinhold
und alle nicht recht dargestelt; und er lies es lieber zu, „seine Philo
sophie sei eben noch nicht fertig gewesen.“ Was sagst du? —63,15

Der Mensch selber ist gut und tolerant; das siehst du aus seiner
Amnestie für den Clavis Schmidt.

Ich lese jezt den Jakob Böhme. Da wo er nur philosophiert und
nicht chemisch ist: da (z. B. in der Beschaulichkeit Gottes, in den
40 Fragen über die Seele) ist er tief und edel, sogar ein Prä-Fichtianer 63,20
(stat Entgegengesezt sagt er blos „die Natur ist ein Gegenwurf der
„Gottheit oder Freiheit“) Sein poetisches Liebkosen der ganzen Natur
und sein heiliges Leben im Allerhöchsten reinigt und hebt mich selber.
Dunkel ist er wenig.

Ich habe wieder einmal vor dir, als dein blosser adjunctus philo63,25
sophiae
philosophiert; aber der Mensch hat, z. B. vom schönen
Wetter kommend, einen besondern Trieb, den andern davon zu be
nachrichtigen, ob dieser gleich dasselbe schon sehr gut selber durchs
Fenster sieht.
d. 10. Apr.
63,30
Wahrscheinlich hat dich die Fluth des Kriegs, du Guter, wieder
fortgetrieben. Gehst du wieder nach Düsseldorf: so bin ich dir näher
in Meiningen, wohin ich in der Mitte des Maies mit meiner Lieben
ziehe. Couvertiere den Brief an Herder; oder noch besser, an mich
hier, indem du früher schreibst.63,35

Poesie und Philosophie sind ein Paar Anhöhen, die hier mit allen
andern fehlen. Ich bin in vielen geselligen Zirkeln hier selber ein
Bogen mit; aber diese können mir die fränkischen Berge nicht ersezen, 64,1
ohne die ich wie ein Raubvogel nirgends horsten kan.

Jezt, Geliebter, reisse mich bald aus den Wolken, worin ich dich
sehe; mich bekümmert dein Sein. Bringe den treuen herlichen Schwe-
stern den treuesten Grus des Herzens. Wenn werd’ ich dich einmal an64,5
meinem haben? Lebe wohl, Heinrich!

Richter


H: Berlin JP. 5½ S. 8°. Präsentat: Jean Paul. e. d. 25ten Apr. 1801. b. 4ten May. K: Jacobi 11 [!]. J: Jacobi S. 84. A: IV. Abt., IV, Nr. 126. 62 , 30 oder daran] nachtr. H 31 sol] danach gestr. da es doch nur oder wie es von der H 32 darüber oder darin] nachtr. H 63 , 1 blos2] nachtr. H 3 oft ist] nachtr. H 7 worin bis 8 fand] nachtr. H 13 trit ein] entsteht K 14 und alle] aus u.s.w. H lieber] nachtr. H 15 gewesen] nachtr. H 20 Prä-] nachtr. H 23 und hebt] nachtr. H 28 ob dieser gleich] obgleich dieser K 35 hier] nachtr. H
62 , 25 ff. Das 1. Heft von Reinholds „Beiträgen“ (s. zu Nr. 80) enthält am Anfang eine Abhandlung „Die erste Aufgabe der Philosophie in ihren merkwürdigsten Auflösungen seit der Wiederherstellung der Wissen schaften“ und am Schluß „Ideen zu einer Heavtogonie oder natürliche Geschichte der reinen Ichheit, genannt reine Vernunft“. Reinhold stellt sich darin ganz auf den Boden von Bardilis Logik (s. Bd. III, zu Nr. 391). 32ff. Vgl. I. Abt., VII, 443,29ff. und II. Abt., I, 35,19†. 63,18–24 Jakob Böhme: „Hochteure Pforte von göttlicher Beschaulich keit“; „Vierzig Fragen von der Seelen-Urstand“. Jean Paul war durch Tieck auf Böhme hingewiesen worden. 26–29 Vgl. 24 , 22–25 .

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

112. An Jacobi. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 62-64 (Brieftext); 341-342 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Friedrich Heinrich Jacobi. Berlin, 9. April 1801 bis 10. April 1801. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_112 >


Zum XML/TEI-file des Briefes