Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



72,17
Berlin d. 11. Mai 1801.

nachgetragen: Deine Briefe erhielt ich alle.
Bruder! Wo denkst du hin? An mich nicht; seit 2 Briefen und72,20
3 Monaten hab ich keinen von dir. Möge der Himmel jede schlimme
Ursache davon verhütet haben! — Lange war ich nicht so seelig als
seit 1 Monat durch das Wetter, das ich im Garten neben mir unter
lauter biographischen Erfindungen einsauge; eine Weinbouteille hängt
der Bediente von meinem Fenster in den Garten herab und ich trinke 72,25
daran. — Zu Pfingsten werd’ ich eines Weibes Haupt. Was die
lauterste, quellenreinste, ewige Liebe gegen die Menschheit, nicht etwa
blos gegen mich, ist, das lern’ ich an meiner C. Jeden Tag wachsen
ihr mehr Flügel nach. Sonderbar besteht neben ihrer Anbetung des
Überirdischen, der Poesie, der Uneigennüzigkeit, der Natur, der vol72,30
endeten Resignazion — es giebt gar nichts was sie nicht für mich oder
auch für andere thäte, Monden-lange Mühe wär ihr ohnehin nichts
— ihr Fleis aus Pflichtliebe; erst mir zu Liebe liebt sie jezt Kleider,
die sie sich alle selber macht. (In Geheim hat sie mir einen Überrok
verfertigt; so trente sie neulich um 11 Uhr Mittags ein weisses Kleid72,35
auf, färbte es roth, nähte es und abends hatte sie es in einer Visite73,1
an.) Noch immer haben wir kein, auch nur kleines, Erbittern ge
habt; ich komme ganz aus meiner Bahn; sie hat keinen Schmerz als
den daß sie nicht die allerklügste und allerschönste für mich sein kan.
Ach sieh sie, was sind Worte! Du gehst gar nicht von ihrem Herzen73,5
weg. — Vogel in Arzberg sandte mir durch Grau sein gutes Buch
„Johannis“ mit einem sehr wizigen Aviso. Vom Schakal steht im
Katalog eine fortgesezte neue Auflage (bei Grau) „vom sinkenden
Helden.“ Hier liegt des plumpen leeren Wernleins Löschblat bei; ich
nant’ ihn blos froh an die Friederike einen Schul- und Eheherren. 73,10
Er ärgerte mich nicht einmal. — Ich schreibe jezt mit Himmelslust
an meinem „Notarius Gottwalt Bliz“, der den Siebenkäs, Fixlein
und Wuz vereinen und übertreffen sol; höre, schreibe mir recht bald
die etwa möglichen närrischen Kollisionen, die in eines Schulzen Hause
vorfallen können, dessen eine Stuben Hälfte unter Landesherlicher Ju73,15
risdikzion steht und die andere unter adelicher. Was dir so beifält. — Die
neuen opera erhälst du aus Weimar; dahin sende deinen Brief „ab-
zugeben bei Kienhold auf dem Markte“ oder nach Meiningen ab-
zugeben bei Oberststalmeister v. Wechmar.
d. 18.
73,20
Am 27ten ist mein Hochzeittag, den ich in Potsdam feiere. Das
Schönste in deinem lezten Briefe ist dein Versprechen zu kommen;
C., diese Heilige im eigentlichen Sin, diese Geduldige und Geschäftige
und Liebende wie ich nie nur dachte, ist seelig von deinem Ver
sprechen. Ihr werdet euch recht lieben. Und du solst freie und frohe73,25
Tage bei uns haben. Und dan mus der edle Emanuel auch zu uns
kommen und mit mir über die Franziskanersuppen reden, die ich ihm
in Weimar vorsezte. — Beiliegendes Weniges oder Künftiges hab’ ich
durch ein grosses Triebwerk, z. B. den Minister v. Alvensleben, der
mich sehr liebt, den Meklenb. Erbprinz, die Königin etc. dem König 73,30
abgepresset; ein Feind von mir und Mayer, der Kabinetsrath Beume,
der alles gilt und thut, muste der Konzipient eines Lobes und Ver
sprechens sein, das er gern ins Gegentheil verwandelt hätte. Hier
hab’ ich nun lauter Thurmwächter, die es mir repetieren, wenn irgend74,1
eine Lebensuhr eines Canonici die lezte Stunde geschlagen, damit ich
mit der Bitschrift unter dem Arm sofort dastehe. — Jezt da du zu
mir komst, brauch’ ich mich mit Novitäten nicht sehr zu bemühen, zu
mal in dieser Zeit-Dürre.74,5

Meine 2. Bücher bekomst du aus Meiningen. — Das „gelobte
Land“ ist nicht von mir. — Deine Dinte ist wie ich sehe, wie Herolds
Türkisches Roth und fast changeant; du kanst mir eben so gut meine
Dinte nachbringen als Herold den Türken ihr Roth. — Fürchte
Hardenberg nicht; gerade wen diese Leute fürchten oder nicht lieben, 74,10
aber achten, den heben sie leichter. Freudig steh’ ich dir bei; könt’ ich
nur mehr! — Der Herzog von Meiningen lies mich durch einen
jüdischen Pferde-Spediteur, der hier im Nebenhaus den Stal hat,
sehr grüssen. — Von Meiningen wird an meinen Herzens- und Seelen-
〈Zwillings〉bruder Emanuel geschrieben; so auch an die liebe Amoene, 74,15
nach deren Anblik und Wort ich mich sehne jezt, wie noch mehr nach
dir. Sei glüklich!

R.


H: Berlin JP. 6 S. 8°. K: Otto 20[!] Mai. J 1: Otto 4,25×. J 2: Nerrlich Nr. 86×. B: IV. Abt., IV, Nr. 127. A: IV. Abt., IV, Nr. 150. 72 , 25 herab] nachtr. H 27 gegen] aus für H 31f. oder auch für andere] nachtr. H 34 I] aus Im H 73,4 allerschönste] aus schönste H sein kan] aus ist H 6 durch Grau] nachtr. H 10 nant’ ihn] aus sagte H froh] aus bei H 12 Gottwalt] nachtr. H 14 die etwa] aus alle die H närrischen] nachtr. H 18 Kienhold] davor gestr. Herder H auf bis 19 Wechmar] nachtr. H 28 Weniges oder Künftiges] nachtr. H 30 den Meklenb. Erbprinz, die Königin etc.] nachtr. H 32f. Versprechens] aus Geschenkes H 33 gern] lieber K verwandelt hätte] aus verwandelte H 74 , 8 Roth] aus Garn H 16 Wort] aus Worten H
Angekommen 26. Mai 72,22ff. Zu dieser Gartenseligkeit vgl. Persönl. Nr. 127. 73,6f. Pfarrer Vogels anonym erschienenes Buch „Der Evange list Johannes und seine Ausleger vor dem jüngsten Gericht“, (Hof, bei Grau) 1801, ist Jean Paul gewidmet; vgl. Nr. 296 und Bd. I, 250,20. 7–9 Vom Shakal (s. Bd. III, zu Nr. 278) erschien 1801 eine „Neue und mit einer fortgesetzten Biographie des wieder aufgelebten Helden vermehrte Auflage“; vgl. 216,25–27. 9 Wernleins Löschblatt: IV. Abt. (Br. an J.P.), IV, Nr. 116; s. zu Bd. VI, Nr. 108. 13–16 Vgl. Flegeljahre Nr. 5. 18 Kienhold: s. Bd. III, Nr. 135, 105,18†. 19 Wechmar: s. Nr. 81†. 26–28 Emanuel in Weimar: s. Bd. III, Nr. 292, 214,7; er hatte wohl wegen der jüdi schen Speisevorschriften nur magere Suppen essen dürfen. 28 Beiliegen des: IV. Abt. (Br. an J.P.), IV, Nr. 135. 31 Beume: Karl Friedr. Beyme (1765—1838), der Hauptberater des Königs; vgl. 206,28. 34f. Vgl. 58,27; Gerade: die fahrende Habe der Frau, die nach ihrem Tode der Tochter zufällt; vgl. I. Abt., VI, 15,1, VII, 91,24. 74,6f. Das gelobte Land: s. 71 , 29 †.

Textgrundlage:

134. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 72-74 (Brieftext); 346 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Berlin, 11. Mai 1801 bis 18. Mai 1801. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_134 >


Zum XML/TEI-file des Briefes