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Meiningen d. 2. Nov. 1801 .
114,8
Alter theuerer Älpler im Thale! Herzlich erfreuete mich Ihre Hand,
nicht nur die schreibende, sondern die drückende und warme. Nur114,10
hätten Sie nach so langer Zeit wenigstens mehr ein Alphabet Bogen
als ein Alphabet Buchstaben geben mögen.

Ich für meine Person — wozu noch meine Frau gehört und irgend
einmal wie in der Gottheit eine dritte Person — bin weiter nichts
als seelig; und Gott sei Dank, daß er die Ehe erfunden. Himmel!114,15
welche Romane hätt’ ich machen wollen mit den Kräften, die ich sonst
ansezte, sie zu spielen!

Warum schreiben Sie mir über meine Novissima nichts? — Und
warum überhaupt so selten? Warlich ich würde keine Antwort länger
schuldig bleiben als diese. — Sehen mus ich mit meiner Frau Sie 114,20
bald; ich sehne mich, Ihnen zu beweisen, daß sich in Ihrem Hause
einmal mein — Himmel entschieden.

Die Eumeniden kenn’ ich, 2 Studenten haben sie gemacht; selber
die Schlegel misbilligen sie. Alle diese Leute meinen es aber nicht so
schlim; die Gellertsche Poesie, die nur eine Leipziger ist, kurz die 114,25
dichterischen Gesangbücher sollen hinab; und das ist recht; nur irren
sich diese Bilderstürmer durch das Verwandeln in Himmelsstürmer;
durch die dümste, nachsprechende Partheilichkeit, wie z. B. die ist, dem
alten Apollo’s Schwan in Osmanstädt, der früher als andere
Schwanen sang und nicht sterbend, den melodischen Hals umdrehen zu114,30
wollen. Wieland wäre ein Dichter, wenn er auch noch nichts gethan
hätte als blos — gesprochen.

Leben Sie wohl, alter Verwandter! Ich sehne mich nach mehren
Lauten. Ich und meine Frau grüssen herzlich Ihre liebe Sängerin und
den Zuhörer. Die Freude bleibe bei dem Sänger der Freude!114,35

Richter


H: Kestnermuseum, Hannover. 3 S. 8°. K (nach Nr. 207): Knebel — J: Knebel Nr. 6. B: IV. Abt., IV, Nr. 182. A: IV. Abt., IV, Nr. 204. 114 , 12 mögen] sollen K 22 einmal] nachtr. H 30 nicht] danach erst K melodischen] aus poetischen H
Angekommen 11. Nov. 114,21f. In Knebels Hause in Ilmenau hatte sich im Mai 1800 Jean Pauls Verlobung mit Karoline von Feuchtersleben gelöst. 23 „Die Eumeniden, oder Noten zum Text des Zeitalters“, Zürich 1801, eine ganz im Schlegelschen Fahrwasser segelnde anonyme Streitschrift, über die sich Knebel entrüstet hatte, sind, wie ich nachweisen konnte (Euphorion XXX, 1929, S. 294—308), in der Hauptsache von Franz Horn (s. 124,23 und zu Nr. 213) und Adolf Wagner (dem Onkel Richards) verfaßt. Jean Paul hatte das wahrscheinlich von Kanne er fahren, der auch Anteil an der Schrift hatte. 28–32 Wieland wird in den „Eumeniden“, S. 177, jeder Anspruch auf den Rang eines Dichters ab gesprochen; vgl. 9,32. 34 Sängerin: Knebels Frau, vgl. Bd. III, Nr. 291†.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

205. An Knebel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 114 (Brieftext); 361-362 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Karl Ludwig von Knebel. Meiningen, 2. November 1801. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_205 >


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