Edition Briefe von Jean Paul

Von Jean Paul an August Ferdinand Bernhardi. Meiningen, 5. Januar 1802.

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Meiningen d. 5. Jenn. 1802.
124,11

An Sie dacht’ ich immer, lieber Bernhardi. Manche Bücher waren
mir Briefe von Ihnen, und manche Kapitel aus meinen meine an Sie.
Ich wolte freilich, ich könte hier im Paradies der Liebe und der Natur,
das ich jezt baue, ackere und geniesse, mit Ihnen disputierend auf und124,15
abgehen. Unsere Geister-Abende werden mir bleiben.


Ich arbeite hier in meinem dicken Bergwerk fort, ohne viel von
andern Knappen zu hören. Den 3. Theil des Titans volendete ich
eben; ich gewinne eine immer reinere Luft; Sie sollen mit ihm zu
frieden oder zufriedner sein. Was schreibt Tiek — Sie — Fr. Schlegel 124,20
Fichte? Ich weis gar nichts. — Schüler von Ihnen allen schicken
mir oft Mspte und ich helfe allen in die Welt, z. B. Kanne (oder
anonym Bergius). Aber was die meisten — z. B. Horn — unrein
macht, ist daß sie, anstat eine neue eigne Aera anzufangen aus ihrem
Innersten und etwas darzustellen, blos die falschen Darstellungen dar124,25
stellen und ihre ästhetischen Collegia versifizieren und so alle zusammen
kriechen in ein Betler-Lexikon von Klagen und Poesien über Gemein
heit, falsche Sentimental[ität], Schwäche etc. Sie streiten, stat zu
zeugen; predigen Busse, anstat gute Werke zu thun. Daher die al
gemeine Aehnlichkeit ihres Stofs, die schon allein verdamt; jeder neue124,30
Dichter bringt frischen mit; die Form nicht, aber der Stof komt ewig
neu individualisiert mit jedem genial[ischen] Individuum wieder.


Schillers Jungfrau ist eine Tochter der Muse, wie Marie eine 125,1
Stieftochter. Nur ist sein Bilden noch nicht organisch genug aus
1 Stük, seine Statue kan dieser Pygmalion blos — meiseln.


Was sagen Sie zu Jacobi’s Kritik der Kritik? Ich alles Beste. —
Schreiben Sie mir bald (durch Matzdorf) und recht viel Kritik, 125,5
sogar über mich. — Meinen hochachtenden warmen Grus an Ihre
Sophia, gegen die man so leicht eine Philosophia hat. Und alles
Freundliche sei Ihnen gesagt, lieber Unvergesner! —



Richter

Grüssen Sie von mir Schleiermacher und Fichte. 125,10


Zitierhinweis

Von Jean Paul an August Ferdinand Bernhardi. Meiningen, 5. Januar 1802. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_224


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960. Briefnr.: 224. Seite(n): 124-125 (Brieftext) und 366 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: ehem. Lessingsche Autographensammlung Nr. 2792. 3 S. 8°; auf der 4. S.Adr.: H. Konrektor Bernhardi. K: Bernhardi 5 J. i: Denkw. 3,89×. 124,13 meine] aus die H 17 arbeite hier] aus arbeitete H 20 zufriedner] davor gestr. doch H schreibt] aus macht H 25 Darstellungen] davor gestr. Tendenzen und H 26 und1 bis versifizieren] nachtr. H 27 und Poesien] nachtr. H 28 falsche] nachtr. H 31 bringt] aus hat neu H 32 neu] nachtr. H genial.] nachtr. H 125,4 Beste] aus Gute H 7 eine Philo sophia hat] aus ein Philosoph ist H; Gegen Sophia ist Philosophia leicht K

Ahlefeldt hatte am 8. Dez. 1801 an Jean Paul geschrieben: „Bernhardi,dieser tapfre Waffenträger unseres Fichte, schmält sehr auf dich, daß duihm garnicht schreibst; lege einmal ein Zettelchen für ihn mit ein.“ 124,23 Horn: s. zu Bd. IV, Nr. 205 und IV. Abt. (Br. an J.P.), IV, Nr. 190. 30–32 Vgl. Vorschuleder Ästhetik, § 14. 125,4 Jacobis Kritik der Kritik: s. zu Nr. 80. 7 Sophie Bernhardi (1775—1833), Tiecks Schwester, die auch schriftstellerte.