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178,12
M[einingen] d. 20. Sept.[1802]

Lieber Alter! Dein Brief und Urtheil labte mich. Es braucht bei
einer neuen Ausgabe des Titans nur Ausstossungen und im 1. [Band] 178,15
entweder das Umschmelzen oder Vorausschicken der Jugendgeschichte.
Im 4. Band ist kein einziges Fehlen oder Ich; eben so im 5. Ich
bin nun mein Selbst-Sieger; und so sol künftig auch das Komische
geschrieben sein. — Hast du meinen lezten vom 10ten erhalten? —
Unter deiner Anlage zu Geschäften meint’ ich das: in die Strumpf178,20
weberei, Hausbauerei, Juristerei fandest du dich überal gleich schnel,
mit einem seltenen Durchblik der Menschen, mit einer dir eignen mir
abgängigen Kraft, eine Begebenheit rük- und vorwärts zu konstru
ieren und ganz ferne in einander zu ziehen und zu weben. Und das ist
historischer Geist. Du sprichst von deiner Unentschlossenheit und Ver178,25
legenheit; ich habe beide nicht sonderlich, und doch keinen Geschäfts
geist, ob er sich gleich inspir[ier]en liesse. — Jezt erst durch dich freu’
ich mich recht über Hardenberg. — Deine Worte über meine frucht-
tragende Frau rührten mich innig. Du solst wie von einer Fürstin
immer das Diarium ihres Doppellebens haben. Lange dauerts wohl 178,30
nicht mehr. In dieser Nacht hatte sie bei ihrer fortblühenden Gesund
heit fortwachende Schmerzen, die ich anfangs dem Reize der Ver
stopfung zuschrieb. Am Morgen fand die Hebamme — eine in Jena
ächt ausgelernte, ein weises Man-Weib —, daß nach 2 Stunden die
Entbindung sein werde. Um 11 Uhr erfolgte leztere mit einem göt178,35
lichen Töchterlein. Himmel! du wirst entzükt auffahren wie ich, als
mitten unter oder nach dem Stöhnen mir, der ich dabei blieb, die179,1
Hebamme mein zweites Liebstes wie aus der Wolke gehoben vorhielt,
die blauen Augen offen, mit schöner weiter Stirn, kuslippig, herzhaft
rufend, mit dem Näsgen meiner Frau — — Gott steht bei einer Ent-
bindung, wer ihn da nicht findet bei diesem unbegreiflichen Mecha179,5
nismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschinenwesens
und bei der Niederwerfung unserer Abhängigkeit, der findet ihn nie.
Ich verhehlte, um zu schonen, so weit ich konte, meiner Frau die
weinende Entzückung, wovon sie doch viel bekam und erwiederte. In
der einsamen Stube hatt’ ich, die kühne Wahrheit zu reden — ach179,10
wie sehnt’ ich mich nach dir oder Emanuel — nur meine Entzückung
und Gott und den Spiz. Wie ein Donnerschlag durchfährt die erste
Erblickung Mark und Bein. Und nun jezt — da meine C. nach allen
Regeln, ordentlich pedantisch schulgerecht fortgebar und da sie eben so
nach Büchern (ihr Körper ist ein Buch) gehalten wird und ganz gesund179,15
da liegt — ihre Entzückung. Es ist ein grosses Kind, herlich gebildet
und mir — was sie so freuet, wofür ich wieder bescheiden mich ans
Näsgen halte — ganz aus den Augen geschnitten. Nur meiner C.
wegen wünscht’ ich einen Jungen; ich aber sagt’ ihr, daß mir ein
Mädgen lieber wäre, weil ein platter dummer Knabe doch mir wenig179,20
genügte (soviel Mittel ich auch als Vater hätte, ihn für das Gegen
theil zu halten) und weil die Eltern-Erziehung an einem Knaben (das
Universum, und die Vergangenheit sind seine Hofmeister) wenig ver
möchte, aber an einem Mädgen alles, das an seiner 〈dieser〉 reinen
festen hellen Mutter nichts werden kan als der zweite Dia179,25
mant. —

Ich wolte dich überraschen und Emanuel; das unterstrichne s bezog
sich blos auf das Diarium.

Nun ists gut und die Welt wieder offen und der Himmel und ich
habe meine Frau wieder. Mitten in den Wehen heute brachte sie mir179,30
doch mein Frühstük von Pflaumenkuchen. Doch muste diese Geduldige
schreien vor Schmerz. Ach wie lernt’ ich da die armen Weiber wieder
achten und bedauern! Entsage nicht, mein Otto, der Hofnung desselben
Himmels! Denn nach meiner Kentnis Euerer Naturen und der medi-
zinischen Geschichte, die von zarten nur späte Fruchtbarkeit erzählt,179,35
hast du noch nichts verloren als ein Jahr. Auch meine C. tröstete ich
immer mit diesen Verspätungen.

Und die besten Leute hab’ ich um mich — die Pfartochter ohne 180,1
Gleichen — die redliche Wartfrau — und die studierte Hebamme. Las
mich schwazen vor dir und Emanuel und Amöne. Ihr seid die ersten
schriftlichen Zuhörer. Die Herzogin-Mutter in W[eimar] und der
hiesige Herzog baten sich s[elber] zu Gevatter dabei. Heute gieng ich 180,5
zu ihm und bat ihn daß er mir zum schönsten Werk, das ich je ins
Publikum gesandt aus der Presse, den Titel gäbe — Georgine (Es
kriegt 100 Namen). Recht menschlich greift er ins Menschliche ein.
Gestern schikt’ ich ihm eine im Namen meines Spizes verfaste Sup
plik. — Wie viele Gevattern, weis ich kaum; viele sinds; deswegen180,10
stell’ ich mich mehr meinetwegen in der ordentlichen Kleidung her, und
bitte doch — wiewohl du dein eignes Isolatorium hier verdienst —
dich. — Alter! Bewährter! Bleibender dem, der dir alles das auch ist.

Die übrige Antwort auf deinen Brief bleibe auf den nächsten ver
spart. Lebe froh, mein Bruder!180,15
d. 21.

Karoline, sobald du den Brief ausgelesen, so schreibe blos Folgendes
an den H. Gevatter:

geliebter Otto, wer ist seeliger als ich? Nun zwei so Geliebte. Amöne, freue dich
meines Glüks! — 180,20

Liegend im Bett und mit dem Kind in der Linken geschrieben.

H: Berlin JP. 8 S. 8°. K (nach Nr. 315): Otto — J 1: Wahrheit 6,245×. J 2: Otto 4,108×. J 3: Nerrlich Nr. 97×. B: IV. Abt., IV, Nr. 255. A: IV. Abt., IV, Nr. 259. 178,13 20.] aus 19. H 16 entweder] nachtr. H 22 seltenen] nachtr. H Durchblik bis 24 weben] gestr. K (s. I. Abt., X, 221,15f.) 30 dauerts] aus dauert er [?] H 32 fortwachende] nachtr. H 179,10 kühne] nachtr. H 11 nur] nachtr. H 14 fortgebar] aus fortgebahr H 17 be scheiden] aus das H 20 dummer] nachtr. H 22 Eltern-] nachtr. H 23 Vergangenheit] danach gestr. und Zu[kunft] H 23f. vermöchte] vermag K 27 bezog] aus bezieht H 34 Euerer] aus euerer H 35 von] aus bei H 37 mit diesen Verspätungen] aus damit aus so H 180 , 12 doch] nachtr. H
178 , 16 Vorausschicken der Jugendgeschichte: so hat es be kanntlich Gottfried Keller in der zweiten Fassung des Grünen Heinrich gemacht. 179,4–7 J. B. Herrmann schreibt am 10. Juli 1788, als er einem Accouchement beigewohnt hatte, an Jean Paul: „... der zur Welt angelangte Mensch erhielt in mir den ganzen Tag eine fixe Idee, welche mich beym unwiderleglichsten Atheismus gezwungen haben würde, eine Gottheit — fast möchte ich lieber sagen: zu sehen, als zu glauben.“ (Schreinert S. 124.) 22–26 Vgl. I. Abt., XII, 225,2–4 (Levana § 81). 27f. Vgl. 178,30. 33–37 Vgl. B: „Es ist mir seit deinem letzten Briefe, als ob ich selber deine schönen Hoffnungen hätte; da ich sie für mich wahrscheinlich nie haben werde, so will ich mich über diese so herzlich freuen, als wären es die meinigen, weil deine Kinder die meinigen sein sollen.“ Ottos Ehe blieb kinderlos.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

314. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 178-180 (Brieftext); 387 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Meiningen, 20. September 1802 bis 21. September 1802. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_314 >


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