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Meiningen d. 52 August [21. Sept.] 1802.
181,22
Mein lieber Paul! Ich fange gleich damit an, daß mir meine Frau
gestern um 11 Uhr Mittags ein herliches schön geformtes — mir ganz
ähnliches — Töchterlein gab und ich noch nicht weis, wo mir der181,25
Kopf steht, obwohl, wo das Herz. Alles geht und fliegt gut. — Bei
dem Tode eines Menschen (wie Ihrer Schwester) fühlt man was Liebe
und Unsterblichkeit heissen und daß wir etwas Höheres sind 〈meinen〉
als wir scheinen. — Ihre Pariser Briefe ergözen mich; nur fassen
Sie nicht das Einzelne (z. B. Theater) sondern den Geist des Ganzen 181,30
an und in sich. Grüssen Sie Schlegel und sagen Sie ihm, ich würd’
ihm schreiben, wenn er mir dafür haftete, daß er antwortete. — Jacobi
schrieb mir Lorbeerkränze über Titan III und nahm bei der Lesung
des I die Dornenkränze zurük. — In Weimar fand ich die Alten für
mich, Herder etc. Weiter kam ich nicht. Das schönste Jahr hab’ ich 181,35
so verpasset. — Da Sie doch nicht lange in Paris bleiben: so machen
Sie sich ganz zu einem Pariser, treten Sie dieser glatten Seite des182,1
Menschen Vieleks recht nahe und schleifen sich am glatten Stein wie
nördlicher am rauhen. Auf der Erde hat alles Werth. Egoismus und
Wollust sind die 2 gewöhnlichen Geschenke der Grosstädte; aber Paris
giebt mit diesen vielleicht zugleich den Ekel dazu. — Vor einigen Tagen182,5
schrieb ich an den Herzog eine erhörte Bitschrift für den Spiz in dessen
Namen, weil er mit seiner ganzen Genossenschaft in Stadtarrest
gethan war und nicht übers Thor hinaus mit mir solte. Jezt läuft er
wieder. — Der 4te Titan ist nach Berlin, er ist ohne Makel und darin
solt Ihr Italien finden. Der 5te reisset die Menschen hin und macht 182,10
sie wüthend durch Historie. — Der Cottaische Almanach hat sich von
mir einen Aufsaz erbettelt, worin ich in einem Schreiben an den
Herausgeber meine Ursachen sage, warum ich ihm keinen für seinen
Kalender liefern kan. — Auf Ihre Laufbahn bin ich begierig, wiewohl
ich die pariser nicht für die rechte halte. Leben Sie wohl! Bleiben Sie 182,15
mir und sich gut!

R.

Spiz grüst. — Auch C. — Himmel! wenn Sie einmal mein blau-
äugiges Töchterlein — mit meiner Frau Näsgen, sonst alles von
mir — sehen werden! Weiter sag ich nichts!182,20
[Adr.] H. Paul Thieriot (dessen Herrn Bruder ich für alle Mit-
theilungen danke) Paris. d. 2. E.

H: Berlin Varnh. 213 (derzeit BJK). 3 S. 8°; Adr. auf der 4. S. K (nach Nr. 314): Thie riot 52 August. J: Denkw. 1,442×. B: IV. Abt., IV, Nr. 246 und 250. A: IV. Abt., IV, Anhang Nr. 12. 181 , 22 52 August] aus 21 Sept. H 182 , 1 ganz] nachtr. H 2 schleifen] davor gestr. saugen H 12 in einem Schreiben] nachtr. H
181 , 27 Thieriots Schwester Jeannette war am 17. Juli 1802 gestorben. 29 fassen: hier Imperativ. 31 Thieriot verkehrte in Paris mit Friedrich Schlegel. 182,21 Bruder: Jacques, s. Bd. VI, Nr. 425, 169, 4.

Textgrundlage:

316. An Thieriot in Paris. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 181-182 (Brieftext); 387-388 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Paul Emile Thieriot. Meiningen, 21. September 1802. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_316 >


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