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Meiningen d. 6. Jenn. 1803.
197,10
Schwer entsinn’ ich mich des Briefes, auf den Sie mir — und viel
leicht auf der Stelle — antworteten; denn Ihnen wird das Auf
brechen schwerer als andern das Beantworten. Indes wenn Sie auch
meinen Dank für meine Freude über Ihre briefliche und poetische
Erscheinung erst im Jahre lesen, wo ich Ihre Antwort erwarte,197,15
nämlich 1804.: so sein Sie doch gewis, daß er da noch lebt und grünt
im künftigen Schnee. Ihre Luna hat, wie der Volmond im Winter-
solstiz, den Gang der Sommersonne und sie überdämmerte mich schön
mit ihrem antiken Wiederschein des griechischen Apollo; ob sie gleich
auch hier ihren Wechsel-Sin durch einige Einheits-Lücken behauptet197,20
hat. Sie fassen schön neue Kraft in alte Form.

Heim, der genialischte Mensch in Meiningen — in der Geschichte,
Chemie, im Amte und überal — dankt Ihnen sehr für die prosaische
und poetische Freude zugleich.

Ihn und den Herzog — den ich immer mehr achten lerne — ver- 197,25
lasse ich ungern und schmerzlich im künftigen Mai: denn da zieh’ ich
nach Koburg; und ich möchte dies in Ihr Gedächtnis graben, damit
mich Ihre nächste Antwort nicht verfehle. Auf meinen Titan wünscht’
ich sehr eine von Ihnen, weil ich im 2. und noch mehr im 3. Band (und
am meisten im 4ten oder lezten) endlich auf die rechte olympische 197,30
Musen-Bahn gekommen zu sein glaube, die nicht wie ich sonst dachte,
nach Stärke, sondern nach Schönheit, nicht nach dicken Früchten, son
dern nach zarten Blüten ausgeht. Den Übersezer und Wetläufer des
Properz hört’ ich so gern darüber! Aber er wil die Federn in seinem
Flügel lieber zum Fliegen heben als zum Schreiben ausziehen.197,35

Übrigens leb’ ich hier — unter meinem Dache — etwas seelig,
habe Frau und Kind wie sie mein Herz begehrt, schreibe immer
bessere Bücher und immer liebendere Briefe (dieser sei Zeuge) und198,1
brauche nichts als zuweilen von alten kritischen Freunden ein liebes
Wort an

J. P. F. Richter.

Ich grüsse Ihre Gattin sehr und wünschte Nachrichten von Ihrem 198,5
geflügelten Sohn.

H: Kestnermuseum, Hannover. 4 S. 8°. K (nach Nr. 334): Knebel 6. Jenn. J: Knebel Nr. 7. i: Denkw. 3,99. B: IV. Abt., IV, Nr. 272. A: IV. Abt., IV, Nr. 275. 197 , 14 und poetische] nachtr. H 17 der Volmond] aus die andere H 21 fassen] davor gestr. verbinden mit neuer H 28 nächste] nachtr. H 30 am meisten] nachtr. H 33 ausgeht] aus führt H 34 er wil] Sie wollen K
Angekommen am 16. Januar, am 18. von Knebel an Karoline Herder gesandt. 197,12f. Aufbrechen: s. 82,4–6. 17 Luna: Knebel hatte eine Abschrift seiner Hymne an Selene (Nachlaß I, 5) übersandt. 22–24 Knebel hatte Heims „treffliche geologische Urtheile“ gerühmt. 198,6 Sohn: Karl (1796—1862).

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

337. An Knebel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 4. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1960.

Seite(n): 197-198 (Brieftext); 392-393 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Karl Ludwig von Knebel. Meiningen, 6. Januar 1803. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=IV_337 >


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